Artikel im Standard (AT) über Makedonien

Die Ampeln nervös, die Anchovis entspannt
Im Nordwesten Griechenlands herrschen trotz ethnisch-kultureller Vielfalt nationale Stereotype vor.

Terkirdag im Süden der europäischen Türkei. Verwinkelte Gassen. Der Smog drückt auf die Lunge. Das Essen im Restaurant unseres Hotels Rodopo ist enttäuschend. Dabei hatten wir uns schon so auf die Köfte, die türkische Ausgabe von Cevapcici, gefreut, schließlich wird der Ort als Mekka der Köfte gerühmt.

Der Name des Hotels bezieht sich auf das nahe Rhodopengebirge. Den historischen Ansichten im menschenleeren Lokal entnehmen wir, dass diese Stadt vor 1912 griechisch war. Heute leben keine Griechen mehr hier. Sie wurden im großen Tausch zwischen den Griechen und Türken während des Ersten Weltkriegs nach Griechenland verschoben. Fischer mussten Bergbauern werden, Bergbauern Fischer. Eine von vielen politisch gewollten Völkerbewegungen in der Phase der (Neu-)Gründung von Nationalstaaten.

Ortstafeln, händisch beschriftet

Wir überqueren problemlos die türkisch-griechische Grenze und kommen in Gebiete, in denen die Verkehrsschilder und die Ortstafeln händisch überschrieben sind. Zuerst fällt es uns gar nicht auf, obwohl gerade wir darauf sensibilisiert sein könnten. Erst mit der Zeit wird uns klar, dass hier türkische und mazedonische Namen den griechischen hinzugefügt werden. Wir fühlen uns ganz heimisch im Nordwesten von Griechenland, jenem Land, in dem es bis vor zehn Jahren offiziell keine Türken, keine Bulgaren, geschweige denn Mazedonier gegeben hat.

Erst der Druck der EU hat bei den offiziellen Organen eine bescheidene Veränderung bewirkt, doch immer noch gibt es im Bewusstsein der Menschen diese Sprachen nicht, wiewohl das größte mazedonische Museum im Zentrum Thessalonikis steht, Philipp von Mazedonien uns durch die Stadt weist und nach Auskünften auch heute noch 40 Prozent der Bevölkerung jüdischer, mazedonischer, bulgarischer und türkischer Abstammung sind. Sie leben in den entlegenen Dörfern und auf den Inseln von Chalkidike.

EU-Business hinter getönten Glasfronten

Die Halbmillionenstadt Thessaloniki zeigt sich geschäftig und nervös. Staubige Autos im Stau zucken vor den Ampeln, die alle fünf Sekunden die Farben wechseln. Gerade einmal zwei Autos können die Kreuzung passieren. In der Nähe des Weißen Turms bekommen wir einen Parkplatz – und den einzigen Strafzettel unserer Reise. Wir schlendern die breite Uferpromenade entlang, wo sich vor hippen Cafés die Jugend sonnt und hinter getönten Glasfronten EU-Business betrieben wird.

In einer Seitengasse finden wir das Fischlokal Agirovoli. Hinter „Pikantiki“ verbirgt sich Pusztasalat mit Oliven, der berühmte Griechische Salat ist die Schopska-Variante mit Schafskäsewürfeln. Wir genießen Sardellen mit Oregano und köstliche Anchovis, ausgenommen, ausgebreitet und mit Petersilie und Zitronen abgeschmeckt. Danach folgen kleinere Barben vom Grill.

Solun, die Stadt von Kyrill und Method, die Stadt von Aristoteles, (war er Mazedonier?), die Stadt, in welcher ein Großteil der 1492 aus Spanien vertriebenen sephardischen Juden auf der Flucht das Überleben meistern musste. Von hier ging die erste große Reformation der katholischen Kirche aus, hier wurden im 9. Jahrhundert die bekanntesten Ableitungen der griechischen Schrift, die slawischen Schriftarten Kyrilliza und Glagoliza entwickelt. Von hier aus überflutete das neue Wissen den Balkan bis in die heutige Slowakei.

„Mazedonisch gibt es nicht“

Man fühlt sich an die Amselfeld-Mythen erinnert, wenn man auf Schritt und Tritt der Allgegenwart Philipp des Mazedoniers gewahr wird und immer wieder zu hören bekommt: „Mazedonisch gibt es nicht. Das, was gesprochen wird, ist nur ein griechischer Dialekt!“

Konsequenterweise gibt es in Richtung Republik Mazedonien keine Hinweistafeln auf den Straßen im Grenzgebiet. Lediglich in Florina übersehen wir zweimal das einzige schmale Täfelchen mit dem Vermerk F.Y.R.O.M. (Former Yugoslav Republic of Macedonia), wohl weil es in Kniehöhe angebracht ist. Bei der nächsten Weggabelung sind wir wieder unserem Orientierungssinn überlassen.

(Lojze Wieser/Barbara Maier/Der Standard/Printausgabe/13/10/2008)

Der Klagenfurter Verleger und Publizist Lojze Wieser und seine Frau Barbara Maier, Kultur- und Wissenschaftsvermittlerin, schildern im Standard Eindrücke einer kulturell-kulinarischen Reise nach Ankara und zurück. Nächsten Dienstag: Albanien – ein Fest bei Freunden

Quelle: http://derstandard.at/?url=/?id=3334724

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