Folgender Artikel stammt von Andreas Raab von der Webseite http://www.mazedonien-info.de:

An den Wurzeln Europas – archäologischer Aufbruch in Mazedonien

In Mazedonien bewegt sich in diesen Tagen etwas – besonders wenn man an Archäologie interessiert ist, oder sich ihr wie der makedonische Chefarchäologe Pasko Kuzman mit Haut und Haaren verschrieben hat.

An 26 Stellen lässt er momentan in den kleinen Land auf dem Balkan graben. Vom neolithischen Observatorium bei Kumanovo im Nordosten, über die Häuser, Foren und Basiliken der spätrömischen Stadt Stobi, die im 5. Jhdt nach Christus durch ein furchtbares Erdbeben zerstört wurde, in der Vardar-Flussebene bis hin zu Ohrid im Westen, wo in Schichten römische Foren, frühchristliche Basiliken und die mittelalterliche theologische Hochschule der Kiril und Methodius-Schüler um den hlg Kliment aus dem 10Jhdt. freigelegt werden.

Pasko Kuzman ist mit Leib und Seele Archäologe und mit gleicher Hingebung Makedone und von seiner Mission, die Wurzeln seiner Heimat und damit Europas freizulegen überzeugt.
Kuzman, eine umtriebige, durchaus exzentrische und ungemein beeindruckende Persönlichkeit umweht eine Aura, in der sich ein 68er mit Indiana Jones und Heinrich Schliemann mischt.

Seit 2002 liegt Kuzman mit dem historischen Schliemann in einen Wettstreit, als ihn in Ohrid ein weltweit spektakulärer Fund gelang: eine goldene Maske aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert mit einer goldenen Hand – Grabbeilagen aus einen Fürstengrab und weltweit als Ensemble nur ein weiteres Mal vorhanden. Die Maske ist von einer eindrucksvollen künstlerischen und handwerklichen Qualität ist zwar 5 Jahrhunderte jünger als Schliemanns Agamemnon Maske aus Mykene aber ebenso beeindruckend.

Seit 2006, als nach der Abwahl der Sozialisten und mit der Bildung der konservativen Regierung Gruevski das historische Erbe Makedoniens zurück ins Interesse des Staates gelangte, darf Pasko Kuzman nicht nur wieder graben, sondern wird die Freilegung und Bewahrung der oben genannten historischen Stätten mit Mitteln von der Regierung unterstützt.

So kann der Chefarchäologe heute stolz darauf verweisen, dass in Ohrid mit fast 500 Helfern mehr Arbeiter im Einsatz sind als Schliemann bei der Ausgrabung Trojas zu Verfügung hatte. Die Resultate können sich sehen lassen: Der spektakulären Goldmaske sind eine Vielzahl von Alltagsfunden aus Bronzezeit, Antike, frühem Christentum und Mittelalter gefolgt, die vom Leben vieler unterschiedlicher Generationen und Zivilisationen in Ohrid erzählen, aber auch weitere einmalige Geräte, Artefakte, Schmuck. Ein wunderbar ziselierter Kommandeurshelm aus dem 3. Jhdt. vor Christus mit Widderköpfen als Wangenschutz, ein sehr seltener sogenannter chalkidischer Helm mit Greiffen verziehrt, eine weltweit einmalige Statue des genialen Erfinders und tragischen Ikarus-Vaters Dädalus oder goldene Ohrringe mit Delphinen aus Halbedelstein sind darunter. Steht man heute an der Ausgabungstelle Plaosnik und sieht auf die vielen freigelegten Mauerreste und Ausgrabungsschichter, die Mosaiken und Taufbecken rund um die Kirche des Hlg Kliment so bekommt man schon einen Eindruck von der Einmaligkeit dieses Platzes mit seinen kulturellen Austausch zwischen vorchristlicher Antike, frühen Christentums der Spätantike und theologischer Universität und Osteuropa-Mission des Mittelalters unter den Kiril und Methodius Schülern.

Das alles konnte die makedonische Erde bisher bewahren, weil Makedonien abseits der archäologischen Pfade des 19.Jhdts lag und so sind die Chancen gross, dass sich in Zukunft interessierte Reisende in der einmaligen Atmosphäre von Alt-Ohrid diese archäologischen Schätze, dieses einzigartige Ensemble aus archälogischen Funden, historischen Gebäuden wie dem Amphittheater, mittelalterlichen Kirchen und der Natur des Ohridsee ganzheitlich an Ort und Stelle anzusehen und eben nicht in London, Paris, Berlin oder Wien in einem Museum wohin so viele archäologische Funde Europas und des Mittelmeerraumes im 19.Jahrhundert verbracht wurden.

Kritiker sprechen wegen des Streits Mazedoniens mit Griechenland um Namen, Geschichte und Identität davon, dass dieses Ausgrabungsprogramm politisch motiviert sei und im Sinne der mazedonischen Kultupolitik instrumentalisiert werde. Sollte es zutreffen, dass das Ausgrabungsprogramm politisch durch den Kulturimperialismus der griechischen Seite proziert ist, wäre dies der einzige bisher erkennbare positive Nebeneffekt des von Griechenland begonnenen unsäglichen und absurden Nachbarschaftsstreites – dass heute in Makedonien europäische historische Wurzeln freigelegt und für ganz Europa bewahrt werden.

Quelle: Andreas Raab auf der Webseite http://www.mazedonien-info.de