NZZ: “Die nicht anerkannte Makedonische Minderheit in Nordgriechenland”

Die NZZ (Neue Zürcher Zeitung) schreibt in ihrer Samstagsausgabe einen Bericht mit dem Titel “Vielschichtige ethnische Identitäten im Norden Griechenlands – Die nicht anerkannte mazedonische Minderheit fordert von Athen kulturelle Rechte”.

In diesem Artikel schildert der Redaktuer Cyrill Stieger die Situation in Nordgriechenland der ethnischen Mazedonier.

Auszugsweise:

«Ich bin ethnisch ein Mazedonier», betont ein alter Mann. Er sagt es auf Griechisch. Mit «denen dort drüben» – gemeint ist der seit 1991 unabhängige Staat Mazedonien – habe er allerdings nichts zu schaffen. Er lebe hier, in Griechenland. Zu Hause mit den Eltern sprächen die Kinder mehr Mazedonisch als Griechisch; so werde die Sprache von einer Generation zur nächsten weitergegeben. «Unsere Eltern sprechen Mazedonisch, wir verstehen es, aber wir reden untereinander Griechisch», meinen einige junge Mädchen, die durch das Dorf schlendern. Es gebe zwar auch Jugendliche, die Mazedonisch sprächen, doch ihr, so meint eines von ihnen, gefalle die Sprache nicht. In einer der Tavernen reden an den Tischen die meisten Gäste Griechisch.

Das Dorf Psarades liegt weiter westlich am Prespa-See, nahe der Grenze zur Republik Mazedonien und zu Albanien. Der Ort ist kleiner als Meliti. Auch hier bezeichnen die einen ihre Sprache als Mazedonisch, andere als «Slawisch» oder als «Hiesig». Auch in Psarades betonen jene, die sich ethnisch als Mazedonier definieren, sie hätten mit der Republik Mazedonien – manche verwenden sogar die von Griechenland durchgesetzte abstruse Bezeichnung «Former Yugoslav Republic of Macedonia» (Fyrom) – nichts zu tun. Ein 90-jähriger Mann, der einen Kanister mit Olivenöl mit sich schleppt, sagt zwar, er spreche Mazedonisch. Er weigert sich aber, mit dem Besucher in dieser Sprache zu reden. «Ich will mit dir nicht Mazedonisch sprechen, sonst beleidige ich den Staat, in dem ich lebe. Wir leben in Griechenland, also sind wir Griechen und Schluss.»

Das Bild ist verwirrend. Die Bezeichnungen für die ethnische Zugehörigkeit und für die Sprache wechseln von Person zu Person. Die ethnischen Selbstdefinitionen sind oft verschwommen. Das ist wohl auch eine Folge der Vereinnahmung der Slawisch sprechenden Bevölkerung durch Serben, Bulgaren und Griechen, die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte. Unterschiedlich ist auch der Grad der Assimilierung. Vor allem in Dörfern in der Gegend um die Stadt Florina gibt es meist ältere Leute, die sich ethnisch als Mazedonier fühlen. Nicht alle, die ihre Sprache als Mazedonisch bezeichnen, betrachten sich jedoch als Angehörige einer solchen Minderheit. Während die einen gesprächig sind, wenden sich andere auf die Frage nach ihrer ethnischen Identität ab oder antworten sichtlich unwillig; und dies, obschon sie alle betonen, jeder könne heute so sprechen, wie er wolle, und sie hätten auch keine Angst, ausserhalb der Dörfer ihre mazedonische Muttersprache zu verwenden.

Das war früher ganz anders. Die Slawisch sprechenden Bewohner Nordgriechenlands galten in Athen lange als Handlanger irredentistischer Kräfte in Belgrad und Sofia, als Gefahr für die Sicherheit des Landes. Nach den Balkankriegen von 1912/1913, die das Ende der osmanischen Herrschaft in der geografischen Region Mazedonien brachten, kam es zu einer Aufteilung. Ägäis-Mazedonien (51 Prozent des Territoriums) fiel an Griechenland, Pirin-Mazedonien (10 Prozent) an Bulgarien. Vardar-Mazedonien wurde Serbien zugeschlagen; es bildet heute das Territorium der Republik Mazedonien. Athen betrieb gegenüber den slawischen Bewohnern Ägäis-Mazedoniens eine rigide Assimilations- und Unterdrückungspolitik. Alle slawischen Orts- und Personennamen mussten durch griechische ersetzt werden; der Gebrauch der Sprache – damals nannte man sie Bulgarisch – wurde verboten. Noch heute tragen alle «Slawophonen» die ihnen aufgezwungenen griechischen Namen. Aufschriften mit kyrillischen Buchstaben gibt es nirgends.
Der gesamte Artikel ist nachzulesen unter folgendem Link: LINK

Schreibe einen Kommentar