Der Kulturkampf um Makedonien als Aspekt der makedonischen Frage

von Andreas Schwarz

Der sogenannte Namensstreit zwischen Griechenland und der Republik Makedonien (seit dem 12.02.2019 „Republik Nord-Makedonien“) war nur das markanteste Symptom eines „Kulturkampfes um Makedonien“. Noch immer hat dieser Kulturkampf zwischen Bulgarien, Griechenland und der Republik Nord-Makedonien kein definitives Ende gefunden. Im Kern geht es bei diesem Kampf um die Kulturhoheit über Makedonien bzw. die Identität der makedonischen Bevölkerung und die materiellen Bedeutung der Begriffe „Makedonien“, „Makedonier“, „Makedonisch“ und „makedonisch“.

Für Bulgarien sind die ethnischen bzw. slawischen Makedonier Teil der bulgarischen Kulturnation und nicht eigenständig. Die Existenz des makedonischen Staates und seine verfassungsmäßige Bezeichnung stellen aus Sicht Bulgariens kein Problem dar.

Griechenland hingegen akzeptiert grundsätzlich die Bezeichnungen für den makedonischen Staat sowie die makedonische Ethnie bzw. Nation und Sprache nicht, hat jedoch ebenfalls nichts gegen die Unabhängigkeit dieses Staates. Allerdings sieht auch Griechenland die makedonische Kulturnation als ein Kunstprodukt an. Die Ursache für den erst 2019 überwundenen Namensstreits geht bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zurück und lässt sich auf den alten Kulturkampf um Makedonien zurückführen. Allerdings bewirkte der griechische Bürgerkrieg (1943/1946 – 1949) eine politische Instrumentalisierung der makedonischen Frage und eine moderne Version des Kulturkampfes um Makedonien, dessen Hauptakteure Griechenland bzw. die Griechen und der makedonische Staat bzw. die Angehörigen der makedonischen Kulturnation sein sollten.

Letztendlich ist der Kulturkampf um Makedonien ein wichtiger Aspekt der makedonischen Frage, welche das Schicksal der makedonischen Bevölkerung im Osmanischen Reich und ab dem Jahr 1912 in den Staaten Bulgarien, Griechenland und Serbien betraf. Ab 1943 ersetzte der Staat „Makedonien“  bzw. das heutige Nord-Makedonien den serbischen Akteur. Bulgarien und Griechenland blieben Akteure.

Der Ursprung des Namens „Makedonien“

Der Name „Makedonien“ leitet sich von den antiken Makedoniern ab, die nach 1200 vor Christus in das Gebiet des antiken Makedonien einwanderten. Die antiken Makedonier (auch „Makedonen“ genannt) waren ein indogermanischer Volksstamm, der heute nicht mehr existiert. Nach der vorherrschenden Auffassung waren die antiken Makedonier ein mit Illyriern und wohl auch Thrakern vermischter antiker griechischer Volksstamm. Aufgrund des illyrischen und thrakischen Einflusses sowie der Randlage Makedoniens sind auch die Unterschiede zu den (anderen) antiken griechischen Stämmen zu erklären. Einige sprechen deswegen eher von einer „Verwandtschaft“ zwischen antiken Makedoniern und antiken Griechen. Es gibt auch eine Auffassung, nach der die antiken Makedonier zunächst als eigenständiger nichtgriechischer Volksstamm in das makedonische Gebiet einwanderten und erst später hellenisiert wurden.

Auch über die antike makedonische Sprache gibt es unterschiedliche Auffassungen, zumal die Sprache heute ausgestorben und die Quellenlage bisher dürftig ist. Für die einen ergibt sich insbesondere aus den überlieferten Personen-, Orts- und Monatsnamen, dass die antike makedonische Sprache ein antiker griechischer Dialekt gewesen sei. Andere sind der Ansicht, dass das antike Makedonische eine eigenständige Sprache gewesen sei, die jedoch mit der antiken griechischen Sprache verwandt gewesen ist. Zwischen der antiken makedonischen und der antiken griechischen Sprache gibt es sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede. Ein Hinweis auf diese Unterschiede ist die historisch verbürgte Tatsache, dass die antiken Makedonier zunächst nicht als Hellenen anerkannt, sondern als Barbaren bezeichnet wurden. „Barbar“ bedeutet sinngemäß „fremdsprachig“. 

Der Name „Makedone“ stammt vom Wort „Maknos“ ab, was so viel wie „lang“ oder „hoch“ bedeutet. Dies kann sich sowohl darauf beziehen, dass die Makedonen von hoch oben aus dem Norden kamen als auch auf ihren Körperbau. Das Wort Maknos bedeutet auch so viel wie „weit“, so dass der Name Makedonien auch so viel wie „weites Land“ bedeuten kann. Im Gegensatz zum gebirgigen Griechenland besteht Makedonien unter anderem aus weiten Ebenen.

Der Name „Makedonien“ überlebte die antiken Makedonier als Territorialbezeichnung bis heute. So verwendeten die Römer die Bezeichnung „Makedonien“ für einer ihrer Provinzen. Die materielle Bedeutung des Territorialbegriffs „Makedonien“ änderte sich jedoch im Laufe der Zeit. Schon die römische Provinz Makedonien umfasste Gebiete die nicht zu den Gebieten des antiken Makedoniens gehörten, während Teile des antiken makedonischen Territoriums auch in anderen römischen Provinzen aufgingen. Auch das heutige Territorium von Makedonien unterscheidet sich vom Territorium des antiken Makedonien.

Das makedonische Territorium im heutigen Sinne

Als Makedonien im heutigen Sinne wird in der politisch-geografischen Terminologie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jene Region bezeichnet, die zu den ersten Gebieten auf europäischem Boden gehörte, die vom Osmanischen Reich erobert worden sind, und die bis 1912 am längsten von allen Teilen des Balkans unter dessen Herrschaft blieb, während die Staaten Bulgarien, Montenegro, Serbien und Griechenland nach und nach bis 1878 ihre Unabhängigkeit erlangten. Auf dieses Gebiet bezogen sich die makedonische Frage und der Kampf der dortigen Bevölkerung um Autonomie, Unabhängigkeit oder Anschluss an Bulgarien.

Im Vertrag von Bukarest vom 10.08.1913 wurde das so definierte geografische Gebiet von Makedonien (67.313 km²) zwischen den Staaten Bulgarien (Pirin-Makedonien, 6.800 km²), Griechenland (Ägäisch-Makedonien, 34.800 km²) und Serbien (Vardar-Makedonien, 25.713 km²) aufgeteilt. Auf dem Gebiet von Vardar-Makedonien wurde 1944 innerhalb der jugoslawischen Föderation der makedonische Staat gegründet, der sich 1991 unter der Bezeichnung „Republik Makedonien“ für unabhängig erklärte und seit dem 12.02.2019 „Republik Nord-Makedonien“ heißt.

Die heutige geografische Region Makedonien unterscheidet sich territorial vom antiken Makedonien. Das Gebiet des antiken Makedoniens dehnte sich zu Zeiten des makedonischen Königs Philipp II. in nördlicher Richtung bis zu einer Linie aus, die etwa vom Ohridsee in nordöstlicher Richtung bis zum Rhodopegebirge und Philippopolis, dem heutigen Plovdiv in Bulgarien, verlief und sich dann nach Süden zum Ägäischen Meer wandte. Die nördlichen Teile des heutigen Makedoniens, etwa die makedonische Hauptstand Skopje, gehörten nicht dazu. Alexander der Große drang auf dem Gebiet des heutigen Bulgariens bis zur Donau vor, doch waren diese Eroberungen nicht mit seinen späteren in Kleinasien vergleichbar.

Die römische Provinz Macedonia umfasste wiederum Gebiete, die vorher nicht zum antiken Makedonien gehörten. Dafür gingen Teile des antiken Makedoniens an andere römische Provinzen. Während der über 500 Jahre andauernden osmanischen Herrschaft war Makedonien keine eigene verwaltungspolitische Einheit, sondern stets in verschiedene, im Laufe der Zeit sich ändernde Verwaltungsbezirke (Wilayets) aufgeteilt.

Der bulgarisch-serbisch-griechische Kulturkampf um „Makedonien“

Während der Herrschaft des Osmanischen Reiches kam es zu einem bulgarisch-serbisch-griechischen Kulturkampf um Makedonien. Dieser begann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und begründete die makedonische Frage. Ursache war zunächst, dass im Jahre 1766 das serbische Patriarchat von Peć und im Jahre 1777 das autokephale Exarchat von Ohrid durch die osmanischen Herrscher aufgehoben wurde. In Folge wurden alle orthodoxen Bistümer der slawischen Bevölkerung dem griechischen Patriarchen von Konstantinopel unterstellt. Bereits vorher hatte eine verstärkte Hellenisierung der slawischen Bistümer, vor allem in den bulgarischen und makedonischen Gebieten des Osmanischen Reiches, eingesetzt. Jetzt verdrängte der griechische Klerus das Kirchenslawische zugunsten des Griechischen aus Liturgie und Schrifttum, wogegen sich der niedere Klerus zunächst erfolglos widersetzte. Auch außerhalb der Kirche setzte sich in der christlichen Oberschicht die griechische Sprache durch, die auch Handelssprache in dieser Zeit war. Diese Entwicklung führte auch zur Gründung von Schulen mit griechischer Unterrichtssprache. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein blieb das Griechische die Sprache der Händler und der gehobenen Schicht.

Allerdings setzte bei den slawischen Völkern, zunächst hauptsächlich bei den Bulgaren und den Serben, ein Erwachen ihres Nationalbewusstseins ein. Die makedonische Bevölkerung wurde dabei sowohl bulgarisch-kulturell als auch serbisch-kulturell beeinflusst. Wahrscheinlich begünstigte der bulgarisch-serbische Kulturkampf um die makedonische Bevölkerung später die Herausbildung eines makedonischen Nationalbewusstseins. Im Jahre 1838 entstand in Thessaloniki die erste Druckerei, die Schriften in slawischer Sprache herausbrachte. In den 1840er Jahren entstanden auch die ersten Schulen mit lokaler slawischer Unterrichtssprache, die ersten Schulbücher in slawischer Sprache folgten im Jahre 1857. Die slawische Sprache war damals von ihrem lokalen Umfeld geprägt. Es lässt sich nicht mehr sicher zuordnen, um welche slawische Sprache es sich nach heutigen Maßstäben gehandelt haben könnte. Die heutigen slawischen Sprachen sind eng mit der modernen Nationenbildung der Bulgaren, Makedonier und Serben verbunden.

Zwischen 1860 und 1870 forderten die bulgarischen Städte in Petitionen die osmanischen Herrscher auf, die Oberhoheit der griechischen Patriarchate über die bulgarischen Bistümer aufzuheben und wieder eine selbständige bulgarisch-orthodoxe Kirche zu schaffen. Mit Hilfe der Schutzmacht Russland, die ebenfalls entsprechend auf das Osmanische Reich einwirkte, wurde das bulgarische autokephale Exarchat wieder errichtet. Dieses erstreckte sich auch auf die makedonischen Gebiete des Osmanischen Reiches. Der griechische Patriarch von Konstantinopel widersetzte sich dem Beschluss der osmanischen Regierung und erklärte die bulgarisch-orthodoxe Kirche für schismatisch (Kirchenspaltung ohne neue theologische Auffassung). Doch auch die serbische Regierung protestierte gegen die Neugründung der bulgarisch-orthodoxen Kirche. Sie befürchtete einen zunehmenden bulgarischen Einfluss auf die makedonische Bevölkerung.

Im Ergebnis kam es zu einem bulgarisch-serbisch-griechischen Kulturkampf um Makedonien. Jede Partei wollte die makedonische Bevölkerung für sich gewinnen. Zunächst wurden von den jeweiligen Parteien Lehrer und Priester nach Makedonien geschickt. Für die Serben waren die makedonische Bevölkerung „Südserben“. Nach Auffassung der Bulgaren ist die makedonische Bevölkerung bis heute Teil der bulgarischen Kulturnation. Für die Griechen war die makedonische Bevölkerung ursprünglich griechischer Herkunft, die nur durch einen Irrtum die slawische Kultur und Sprache annahm. Die Bulgaren, Griechen und Serben schickten entsprechend ihrer Auffassungen Lehrer mit Schulbüchern in ihrer jeweiligen Nationalsprache nach Makedonien. Ziel jeder Partei war es ihren kulturellen Einfluss auf Makedonien zu sichern. Nach Konsularberichten gab es um 1900 in Makedonien 178 serbische, 785 bulgarische und 927 griechische Schulen. Mit den Schulen war auch das Aufkeimen eines entsprechenden Nationalgefühls verbunden. Doch gerade dieser Kampf war ein Aspekt der sogenannten makedonischen Frage und lieferte im Ergebnis auch einen Beitrag zur Herausbildung eines makedonischen Nationalgefühls.

Der weitere Kampf um Makedonien

Mit der Gründung der „Inneren Makedonischen Revolutionären Organisation“ („IMRO“) kam ein neuer Faktor in die Auseinandersetzung um Makedonien. Diese Organisation wurde am 23.10.1893 von sechs jungen Leuten in der Wohnung des Buchhändlers Ivan Nikolov in Thessaloniki gegründet. In ihren Statuen wurde festgelegt, dass die Organisation geheim sein sollte, dass sich ihre Tätigkeit nur auf Makedonien erstrecken und eine Autonomie Makedoniens zum Ziel haben sollte. Entsprechend wurde in den Statuten der IMRO festgelegt, dass nur in Makedonien geborene oder lebende Personen Mitglieder sein konnten und dass die IMRO unabhängig von ihren Nachbarstaaten Bulgarien, Serbien und Griechenland agieren würde.

Allerdings bildeten sich zunächst zwei Fraktionen aus, eine pro-makedonische und eine pro-bulgarische. Die pro-makedonische gliederte sich wiederum in zwei weitere Fraktionen. Eine pro-makedonische Fraktion trat aus pragmatischen Gründen für eine Autonomie Makedoniens innerhalb des Osmanischen Reiches ein, die andere für einen unabhängigen Staat Makedonien. Die pro-bulgarische Fraktion trat für den Anschluss Makedoniens an Bulgarien ein. Zwischen diesen Fraktionen kam es zu blutigen Auseinandersetzungen, die den eigentlichen Kampf um Makedonien deutlich schwächten.

Erstmals kam allerdings auch die Idee einer eigenen makedonischen Nation auf, die in Konkurrenz zu den Auffassungen von Bulgarien, Serbien und Griechenland stand. Inwieweit es schon vorher, zumindest teilweise, ein makedonisches Nationalgefühl gegeben haben könnte, lässt sich aufgrund der unsicheren Quellenlage nicht mehr sicher verifizieren.

Ein von der IMRO organisierter Aufstand der makedonischen Bevölkerung gegen die osmanische Herrschaft, der zwischen dem 02.08. und 12.08.1903 stattfand, scheiterte zwar, machte jedoch die europäischen Großmächte auf das Problem Makedonien aufmerksam. Die europäischen Mächte (vor allem Österreich-Ungarn und Russland) forderten vom Osmanischen Reich Reformen zur Verbesserung der Situation der makedonischen Bevölkerung. Das Osmanische Reich war grundsätzlich bereit entsprechende Reformen durchzuführen. Die Umsetzung dieser Reformen ging allerdings nur sehr langsam voran und wurde durch die Machtergreifung der Jungtürken im Juli 1908 beendet. Die Jungtürken gaben sich zwar demokratisch und liberal, waren jedoch für eine streng zentralistische Verwaltung des Osmanischen Reiches. Damit wurden mögliche Reformen im Sinne der makedonischen Bevölkerung oder gar eine Autonomie für Makedonien im Rahmen des Osmanischen Reiches illusorisch.

Währenddessen kämpften neben der IMRO auch bewaffnete Banden der Bulgaren (Komitadschis) und Serben (Četniks) um die Vorherrschaft in Makedonien. Allerdings stieg aufgrund der Annexion von Bosnien und Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahre 1908 auch der russische Einfluss auf dem Balkan. Russland gelang es Bulgarien und Serbien für einen gemeinsamen Kampf gegen das Osmanische Reich zu gewinnen. Der gegenseitige Kampf von Bulgaren und Serben um Makedonien war somit zunächst zurückgestellt. Zwei Balkankriege sollten dann letztendlich die Entscheidung um Makedonien herbeiführen, die unter geänderten Rahmenbedingungen im Wesentlichen bis heute bestand hat.

Der Erste und Zweite Balkankrieg und die Folgen für Makedonien

Mit der Kriegserklärung Montenegros an das Osmanische Reich am 08.10.1912 begann der Erste Balkankriege. Nachdem am 16.10.1912 das Osmanische Reich Bulgarien den Krieg erklärte, erklärten am 17.10.1912 Bulgarien, Griechenland und Serbien gemeinsam dem Osmanischen Reich den Krieg. Das bereits zuvor geschwächte und instabile Osmanische Reich konnten dem militärisch dauerhaft nichts entgegensetzen. Am 01.05.1913 kam es zunächst zu einem Waffenstillstand. Der am 30.05.1913 geschlossene Londoner Vertrag beendete dann den Ersten Balkankrieg auch formell. Dieser zwischen den Kriegsbeteiligten geschlossene Vertrag kam unter der Vermittlung der europäische Großmächte zustande und führte zu einem Verzicht der Osmanen auf alle europäischen Gebiete westlich einer Linie zwischen Midia am Schwarzen Meer und Enez an der Ägäisküste. Die Insel Kreta vereinigte sich aufgrund des Vertrages offiziell mit Griechenland. Mit diesem Vertrag endete formell eine mehr als 500 Jahre bestehende osmanische Herrschaft auf der Balkanhalbinsel. 

Auch Makedonien befand sich damit nicht mehr unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches. Allerdings war es stattdessen von Bulgarien, Griechenland und Serbien besetzt. Die IMRO konnte ihre Ziele, ein einheitliches Makedonien, entweder als unabhängiger Staat oder als Teil von Bulgarien, nicht durchsetzen. Bulgarien erhielt im Vergleich zu Serbien und Griechenland nur einen relativ kleinen Teil von Makedonien und fühlte sich um seinen gerechten Anteil an Makedonien betrogen. Aus diesem Grund griff Bulgarien ohne offizielle Kriegserklärung am 29.06.1913 die griechischen und serbischen Armeen in Makedonien an. Die Kämpfe konzentrierten sich zwischen Serres und Thessaloniki und endeten mit einem Sieg der vorbereiteten Verteidiger. Griechenland und Serbien erklärten daraufhin am 08.07.1913 Bulgarien den Krieg. Nachdem Rumänien am 09.07.1913 und das Osmanische Reich am 11.07.1913 Bulgarien den Krieg erklärten, wurde Bulgarien von allen Seiten angegriffen. Ohne nennenswerte Gegenwehr durch bulgarische Truppen erreichten rumänische Truppen bereits nach wenigen Tagen die Vororte der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Die osmanischen Truppen marschierten am 21.07.1913 in das nicht verteidigte Adrianopel (heute Edirne) ein und eroberten so diese Stadt von den Bulgaren wieder zurück. Der überwiegende Teil der bulgarischen Verbände war währenddessen in schwerwiegende Kämpfe mit griechischen Verbänden verwickelt.

In dieser Situation musste sich Bulgarien schon innerhalb von wenigen Wochen geschlagen geben. Allerdings zeichneten sich am Ende des Krieges auch noch Auseinandersetzungen zwischen den verbündeten griechischen und serbischen Truppen in der Region Kozani ab. Insgesamt war der Zweite Balkankrieg innerhalb von einem Monat beendet und besiegelte das Schicksal der Region Makedonien. Nur durch den Ersten und den Zweiten Weltkrieg kam es jeweils zu einer temporären Veränderung der Herrschaftsverhältnisse zugunsten Bulgariens. Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg besetzte Bulgarien vor allem den serbischen Teil von Makedonien. Auf die besondere Entwicklung im serbischen Teil bzw. jugoslawischen von Makedonien wird in dem Artikel Die serbisch-makedonische Frage ausführlich eingegangen. Der Zweite Balkankrieg wurde nach einem Waffenstillstand formell durch den Friedensvertrag von Bukarest vom 10.08.1913 beendet. Aufgrund dieses Vertrages musste Bulgarien fast alle im Ersten Balkankrieg erzielten territorialen Gewinne wieder abtreten. Der Großteil von Makedonien (67.313 km²) wurde zwischen Griechenland (Ägäisch-Makedonien, 34.800 km²) und Serbien (Vardar-Makedonien, 25.713 km²) aufgeteilt. Bulgarien erhielt nur einen kleinen Teil von Makedonien (Pirin-Mazedonien, 6.800 km²). Diese Aufteilung besteht heute noch fort.

In allen Teilen Makedonien fand eine intensive Politik der Assimilierung gegenüber der makedonischen Bevölkerung durch die Staaten statt, zu denen diese Teile nun gehören. Im bulgarischen Teil war die Assimilierung weitgehend erfolgreich, zumal eine engere ethnische Verwandtschaft zwischen der makedonischen Bevölkerung und den Bulgaren als zwischen dieser und den anderen Balkanvölkern besteht. Doch auch im bulgarischen Teil betrachten sich noch immer einige Tausend als Angehörige der makedonischen Kulturnation. Dies dürfte zum Teil auch mit der heutigen Existenz einer makedonischen Kulturnation und ihres Staatswesens zusammenhängen.

Im griechischen Makedonien, dem sogenannten Ägäisch-Makedonien, lebten nach dem großen Bevölkerungsaustausch zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei überwiegend Griechen (Anzahl 1.227.000 / Anteil an der Gesamtbevölkerung: 87,5 Prozent) und nur noch eine Minderheit von Bulgaren und ethnischen bzw. slawischen Makedoniern (82.000 / 5,8 Prozent) sowie anderen ethnischen Gruppen (93.000 / 6,7 Prozent). Nach einer Veröffentlichung des Komitees des Völkerbundes für die Ansiedlung von griechischen Flüchtlingen von 1926 lebten im Jahre 1912 vor dem großen Bevölkerungsaustausch in Griechisch-Makedonien 513.000 Griechen (42,6 %), 475.000 Muslime (39.4 %), 119.000 Bulgaren (einschließlich der ethnischen bzw. slawischen Makedonier) (9.9 %) und 98.000 Angehörige anderer ethnischer Gruppen (8,1 %). Es kam sowohl zu Auswanderungsbewegungen der nichtgriechischen Bevölkerung als auch deren Vertreibung und Zwangsumsiedlung. Von den in der griechischen Region Makedonien verbliebenen Nicht-Griechen wurden viele durch eine entsprechende Politik griechisch assimiliert.

Im serbischen bzw. jugoslawischen Teil von Makedonien blieb die Assimilierung der makedonischen Bevölkerung weitgehend erfolglos. Dies lag unter anderem an der Benachteiligung der Region und die Diskriminierung der makedonischen Bevölkerung durch die Serben. Gleiches galt im Verhältnis zu den Bulgaren. Zwar wurde die bulgarische Besatzung im Ersten und Zweiten Weltkrieg zunächst als Befreiung empfunden, doch wurde die bulgarische Besatzungspolitik relativ bald zu einer Belastung für die makedonische Bevölkerung im jugoslawischen Teil von Makedonien. Dies führte im Ergebnis auch zu einer Entfremdung zwischen Bulgaren und der jugoslawisch-makedonischen Bevölkerung.

Im Rahmen des kommunistisch-jugoslawischen Volksbefreiungskampfes (1941 – 1944) unter Führung von Josip Broz Tito musste der Kampf auch im jugoslawischen Teil von Makedonien etabliert werden, was sich zunächst als schwierig erwies. Es gab in diesem Teil von Jugoslawien nicht nur den Kampf gegen die Besatzer, sondern auch einen zwischen der bulgarischen und der jugoslawischen Kommunistischen Partei. Um die makedonische Bevölkerung für den Volksbefreiungskampf zu gewinnen, unterstütze Tito die pro-makedonische Auffassung zur Identität der makedonischen Bevölkerung und stellte ihnen die Anerkennung und Gleichberechtigung mit den anderen jugoslawischen Völkern im Rahmen einer jugoslawischen Föderation in Aussicht.

Auf der Zweiten Tagung des Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens am 29.11.1943 wurden die ethnischen bzw. slawischen Makedonier erstmals als gleichberechtigt mit den übrigen jugoslawischen Völkern und damit als eigenständige Kulturnation anerkannt. Des Weiteren wurde die Schaffung eines makedonischen Staates im Rahmen einer kommunistisch-jugoslawischen Föderation beschlossen. Am 02.08.1944 wurde im Kloster Prohor Pčinski die erste Tagung der „Antifaschistischen Sobranje der Volksbefreiung Makedoniens“ eröffnet und formell der makedonische Staat gegründet, welche als „Volksrepublik Makedonien“ proklamiert wurde. Fortan spielten die Serben im Kulturkampf um Makedonien nur noch eine untergeordnete Rolle bzw. hielten sich aus diesem Kampf weitgehend heraus. Stattdessen wurden die ethnischen bzw. slawischen Makedonier neben den Bulgaren und Griechen Akteure im Kulturkampf um Makedonien, der sich aufgrund des Bürgerkrieges in Griechenland weiterentwickeln sollte.

Die kulturelle Deutungshoheit über Makedonien blieb umstritten

Im jugoslawischen Teil vom Makedonien etablierte sich eine makedonische Kulturnation und Sprache, welche ein ethnologisches Vakuum in dieser Region ausfüllte und damit die Begehrlichkeiten der Nachbarstaaten zurückdrängte. Dies führte zu einer klaren Stabilisierung der Region. Zwischen Bulgarien und Jugoslawien gab es von August 1947 bis Juni 1948 zunächst eine Annäherung und eine Übereinkunft über den bulgarischen und jugoslawischen Teil von Makedonien. Im Rahmen einer Föderation zwischen Bulgarien und Jugoslawien sollten beide Teile Makedoniens innerhalb der Volksrepublik Makedonien vereint werden. Bis zur Gründung dieser Föderation bekamen die ethnischen bzw. slawischen Makedonier im bulgarischen Teil von Makedonien eine kulturelle Autonomie zugestanden. Auch wenn es keine Hinweise auf eine konkrete Einbeziehung des griechischen Teils von Makedonien in diese Föderation gibt, so war dennoch klar, dass ein solches Modell die Unterstützung der jugoslawischen und der makedonischen Kommunisten hatte. Der Bruch zwischen Joseph Stalin (Sowjetunion) und Tito im Juni 1948 machte das Projekt einer bulgarisch-jugoslawischen Föderation mit einem vereinten Makedonien als Bestandteil obsolet. Die kulturelle Autonomie der ethnischen bzw. slawischen Makedonier in Bulgarien wurde bis zum Ende des Jahres 1948 wieder zurückgenommen.

Damit ging der Kulturstreit um Makedonien zwischen Bulgarien und Jugoslawien weiter. Nach bulgarischer Auffassung gab es keine makedonische Kulturnation, da die ethnischen bzw. slawischen Makedonier Teil der bulgarischen Kulturnation wären. Die makedonische Sprache wäre ebenfalls nicht eigenständig, sondern ein west-bulgarischer Dialekt. Territoriale Ansprüche auf Makedonien erhoben die Bulgaren seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Nach der Erklärung der Unabhängigkeit der Republik Makedonien von der jugoslawischen Föderation am 18.09.1991 erkannte Bulgarien am 16.01.1992 als erster Staat der Welt diese völkerrechtlich an. Erst im Jahre 1999 erkannte Bulgarien das Selbstbestimmungsrecht des Volkes der Republik Makedonien und damit implizit eine makedonische Kulturnation an. Erst durch das Abkommen vom 01.08.2017 wurden die kulturellen Streitigkeiten zwischen Bulgarien und Republik Makedonien formell beendet. Gemäß diesem Abkommen sollen kulturelle und historische Sachverhalte objektiv-wissenschaftlich durch ein paritätisch besetztes Expertengremium geklärt und eine entsprechende Bildungspolitik auf Basis dieser Klärung durch beide Parteien betrieben werden. Historische Ereignisse und Persönlichkeiten können auch beiden Parteien zugerechnet werden. Entsprechend können dieses Feiertage und Gedenktage zu historischen Persönlichkeiten auch gemeinsam begangen werden. Allerdings kommt es trotz dieses Vertrages auch immer wieder zu Rückschlägen und zu einem Aufflammen des Kulturkampfes um Makedonien zwischen Bulgarien und Nord-Makedonien.

Der Kulturstreit zwischen Griechenland und der Republik Makedonien war wesentlich intensiver und folgenreicher. Im griechischen Bürgerkrieg zwischen griechischen Kommunisten und der völkerrechtlich anerkannten der konservativ-royalistischen griechischen Regierung von 1943/46 bis 1949 kam es zu einer Kooperation zwischen den griechischen und den jugoslawischen Kommunisten. Den Schwerpunkt hatte der griechische Bürgerkrieg in Nordgriechenland bzw. der griechischen Region Makedonien, also in geografischer Nähe zu Jugoslawien. Aus diesen Gründen war Jugoslawien für die griechischen Kommunisten ein strategisch wichtiger Partner, obwohl diese dem sowjetischen Kommunismus unter Stalin näher standen. Den Höhepunkt erreichte der griechische Bürgerkrieg um die Jahreswende 1947/48, danach zeichnete sich aufgrund der oben beschriebenen Entwicklung zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion bereits der Niedergang des kommunistischen Aufstandes ab.

Im Rahmen dieses Bürgerkrieges wurde auch die makedonische Frage thematisiert. Die besonders aus der kommunistisch-jugoslawischen Föderation favorisierten Konzepte reichten von einer kulturellen Autonomie der ethnischen bzw. slawischen Makedonier innerhalb Griechenlands bis hin zu einer Abspaltung der griechischen Region Makedonien und deren Vereinigung mit den anderen makedonischen Gebieten in einer Volksrepublik Makedonien. Die griechischen Kommunisten reagierten eher verhalten auf die Unterstützung durch die jugoslawischen Kommunisten und dürften gegen eine Abspaltung der griechischen Region Makedonien von Griechenland gewesen sein.

Inwieweit die griechischen Kommunisten eine kulturelle Autonomie für die ethnischen bzw. slawischen Makedonier akzeptiert hätten, muss aufgrund der Quellenlage offenbleiben, doch gibt es zumindest für dieses Konzept ein paar Anhaltspunkte. So kämpfte im Rahmen der kommunistisch-griechischen Befreiungsarmee auch eine slawisch-makedonische Einheit. Auf dem fünften Plenum des Zentralkomitees der KPG vom 30/31.01.1949 wurde zur makedonischen Frage ausgeführt:

In Nordgriechenland hat das makedonische Volk bis jetzt sein Bestmögliches zum Kampf beigetragen und kämpft mit grenzenloser und bewundernswerter Tapferkeit und Selbstaufopferung weiter. Zweifellos kann nur die nationale Rekonstitutierung des makedonischen Volkes die Konsequenz des Sieges der DSE (Anmerkung: Demokratische Armee Griechenlands) und der Volksrevolution sein, für die es bis heute sein Blut vergießt. Dies entspricht auch seinen eigenen Wünschen“.

Was konkret mit nationaler Restauration gemeint war, wurde in der Stellungnahme nicht ausgeführt. Jedoch verstanden alle am Bürgerkrieg beteiligten Akteure entweder die Abspaltung und Unabhängigkeit oder zumindest die Autonomie der griechischen Region Makedonien darunter. Dies wurde in der griechischen Bevölkerung und bei den Gegnern des Kommunismus überwiegend als Verrat aufgefasst. Selbst bei den griechischen Kommunisten war eine mögliche Autonomie oder Abspaltung der griechischen Region Makedonien sehr umstritten.

Nachdem sich bei den griechischen Kommunisten der pro-stalinistische Flügel durchgesetzt hatte, stellte die kommunistisch-jugoslawische Föderation ihre Unterstützung ein. Ohne Nachschub aus Jugoslawien hatte die kommunistisch-griechische Bürgerkriegspartei keine Chance mehr. Im August 1949 wurde ihr von Seiten der royalistischen Armee Griechenlands eine entscheidende Niederlage zugeführt, von der sich die kommunistisch-griechische Volksbefreiungsarmee nicht mehr erholen konnte. Im Oktober 1949 gab sie den Kampf auf und der Bürgerkrieg in Griechenland war damit beendet.

Nach dem Sieg der griechischen Rechten übernahmen diese die Deutungshoheit über den griechischen Bürgerkrieg. Nach deren Auffassung sei es in diesem Bürgerkrieg auch um einen Abwehrkampf gegen slawische Einfälle aus dem Norden gegangen, dabei wurden die Slawen in Griechenland entsprechend instrumentalisiert. Jeder nicht-griechische Makedonismus sei daher eine antigriechische Haltung und richte sich gegen die territoriale Einheit Griechenlands. Zur Stärkung des Patriotismus in Nordgriechenland wurden die griechischen Makedonier in eine direkte Ahnenlinie zu den antiken Makedoniern gebracht, obwohl es eine derartige Verbindung nicht gibt. Des Weiteren wurde eine entsprechend nationale Bildungs- und Kulturpolitik betrieben. Museen, Feier- und Gedenktage und Veranstaltungen sollten ein entsprechendes Bewusstsein in der Bevölkerung Griechenlands fördern. Dies führte nicht nur zu einer besonders ausgeprägten makedonischen Regionalidentität, sondern auch zu der in Griechenland weitverbreiteten Auffassung, „Makedonien sei nur griechisch und jeder nicht-griechische Makedonismus sei die widerrechtliche Aneignung von griechischer Kultur und Geschichte zum Nachteil Griechenlands.“ Eine objektive Behandlung der makedonischen Frage im Rahmen der griechischen Bildungs- und Kulturpolitik fand nicht statt. Entweder wurde diese Frage nicht thematisiert oder die Diskussion wurde durch nationalistische Akteure aus den Zeiten des Bürgerkrieges einseitig geführt. Im Ergebnis hat die griechische Gesellschaft bis heute kein differenziertes Bild über die makedonische Frage.

Im Jahre 1991 zeichnete sich die Unabhängigkeit der Republik Makedonien von Jugoslawien immer mehr ab. Diese Entwicklung fiel in Griechenland in ein selbst induziertes bildungspolitisches Vakuum zur makedonischen Frage, welches von den oben genannten Akteuren aus der Zeit des griechischen Bürgerkrieges dann weitgehend ausgefüllt wurde. Aufgrund der fehlenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der makedonischen Frage konnten sich objektivere Sichtweisen nicht durchsetzen und die alten verzerrten Sichtweisen bestimmten die griechische Politik.

Im Mai 1991 erklärte Griechenland, dass es seinen nördlichen Nachbarn nicht unter den Namen „Republik Makedonien“ anerkennen werde. Damit war der sogenannte Namensstreit als Teil eines wieder heißen Kulturstreits geboren. Nur wenige Staaten erkannten die Republik Makedonien zunächst völkerrechtlich an. Allerdings war kein Mitgliedsstaat der EG darunter. Die internationale Staatengemeinschaft, einschließlich einiger EG-Mitgliedsstaaten, wollte allerdings nicht einseitig der griechischen Argumentation folgen und forderte beide Seiten zum Kompromiss auf. Anfang 1993, nachdem klar wurde, dass ein weiteres kategorisches Ablehnen der Bezeichnung „Makedonien“ Griechenland in der internationalen Staatengemeinschaft isolieren würde, musste Griechenland schließlich einlenken. Auch die Republik Makedonien musste bis auf weiteres auf eine uneingeschränkte Anerkennung ihrer verfassungsmäßigen Bezeichnung verzichten.

In der Resolution 817 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (UN) vom 07.04.1993 wurde die Existenz des Namensstreits zwischen der Republik Makedonien und der Hellenischen Republik (Amtliche Bezeichnung für Griechenland) sowie die Bedeutung der Lösung dieses Streits für den Frieden und die guten nachbarschaftlichen Beziehungen in der betroffenen Region festgestellt. Diese Feststellung erfolgte seinerzeit auch unter dem Eindruck des ethnischen Krieges in Bosnien und Herzegowina und in Kroatien. Gemäß dieser Resolution wurde die Republik Makedonien am 08.04.1993 unter der vorläufigen Bezeichnung „Die Ehemalige Jugoslawische Republik Makedonien“ in die Vereinten Nationen aufgenommen. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen stimmte dieser Aufnahme per Akklamation zu. In Griechenland und in der Republik Makedonien fand dieser Kompromiss keine große Zustimmung. Im griechischen Parlament erhielt er nur eine knappe Zustimmung von 152 gegen 146 Stimmen und im makedonischen Parlament beschuldigte die nationalkonservative Opposition die Regierung, der Endnationalisierung Makedoniens Vorschub geleistet zu haben. In einer weiteren Resolution des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (Resolution 845) vom 18.06.1993 wurden die Hellenische Republik und die Republik Makedonien dazu aufgefordert, den zwischen ihnen bestehenden Namensstreit im Rahmen und unter Vermittlung der Vereinten Nationen zu lösen. Dieser Aufgabe war von 1993 bis 2019 ein entsprechender Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen zugewiesen. Von 1994 bis 2019 hatte Matthew Nimetz dieses Amt inne und nun seine Aufgabe erfüllt.

Alle Gespräche und Vermittlungsversuche im Rahmen der Vereinten Nationen blieben zunächst erfolglos. Vom 16.02.1994 bis zum 14.10.1995 verhängte Griechenland sogar ein Handelsembargo gegen die Republik Makedonien. Dieses Embargo konnte durch das Interimsabkommen zwischen Griechenland und der Republik Makedonien vom 13.09.1995 beendet werden. Allerdings bestätigte dieses Interimsabkommen bis zum Jahr 2018 den Status quo gemäß den oben genannten Resolutionen des UN-Sicherheitsrates und sollte ein Modus vivendi bis zur endgültigen Lösung des Streits um den Namen „Makedonien“ bieten.

Rund 25 Jahre wurde erfolglos im Rahmen und unter der Vermittlung der Vereinten Nationen verhandelt. Nach einer jahrelangen Pause wurden die Gespräche am 19.01.2018 wieder aufgenommen und die Verhandlungen zur Lösung des Streits zwischen Griechenland und der Republik Makedonien intensiviert. Sie waren schwierig und standen zeitweise vor dem Scheitern. Der Durchbruch kam am 12.06.2018, als die Ministerpräsidenten Griechenlands und der Republik Makedonien eine Einigung erzielten. Mit der Unterzeichnung des sogenannten Abkommens von Prespa am 17.06.2018 durch die Außenminister beider Staaten wurde diese Einigung durch einen völkerrechtlichen Vertrag formell bekräftigt. Mit einer Änderung der makedonischen Verfassung vom 11.01.2019 wurde der Vertrag in der Republik Makedonien verfassungsrechtlich implementiert. Daraufhin ratifiziertes das griechische Parlament am 25.01.2019 den Prespa-Vertrag und am 08.02.2019 das NATO-Beitrittsprotokoll für die Republik Nord-Makedonien. Die Verfassungsänderungen in der Republik Makedonien traten vier Tage nach dieser letzten Ratifizierung in Kraft.

Seit dem 12.02.2019 hat der Staatsname „Republik Nord-Makedonien“ sowohl die bisherige verfassungsmäßige Bezeichnung „Republik Makedonien“ als auch die provisorische UN-Bezeichnung „Die Ehemalige Jugoslawische Republik Makedonien“ vollständig ersetzt. Damit ist der seit Mai 1991 bestehende Streit um den Namen Makedonien formell überwunden. Der zugrundeliegende Kulturstreit hat zwar ein formelles Ende gefunden, doch ist er längst nicht überwunden.

Die staatsrechtliche Entwicklung des Begriffes „Makedonien“ seit 1912

Im bulgarischen Teil von Makedonien (Pirin-Makedonien) wurde die Bezeichnung Makedonien staatsrechtlich nur in den Jahren 1947 und 1948 verwendet, als die Volksrepublik Bulgarien kurzzeitig eine makedonische Volksgruppe anerkannte und ihnen kulturelle Autonomierechte in Pirin-Makedonien zuerkannte. Ansonsten wurde und wird für das Gebiet von Pirin-Makedonien staatsrechtlich die Bezeichnung „Kreis Blagoewgrad“ verwendet.

In der Hellenischen Republik wurde 1912 im griechischen Teil von Makedonien (Ägäisch-Makedonien) das „Generalgouvernement Makedonien“ als Verwaltungseinheit mit Sitz in Thessaloniki eingerichtet. Im Jahre 1928 wurde der Generalgouverneur von Makedonien in den Ministerrang erhoben. Des Weiteren erfolgte eine Untergliederung des Generalgouvernements Makedonien in die drei Generalgouvernements „West-Makedonien“, „Zentral-Makedonien“ und „Ost-Makedonien“, wobei die Generalgouverneure von West- und Ost-Makedonien nicht in den Ministerrang erhoben wurden. 1945 ernannte der damaligen griechische Ministerpräsident Nikolaos Plastiras drei stellvertretende Minister zu Generalgouverneuren von West-, Zentral- und Ost-Makedonien. 1950 wurden unter dem damaligen griechischen Ministerpräsidenten Sophoklis Venizelos die drei Generalgouvernements in der griechischen Region Makedonien zum  „Generalgouvernement Nordgriechenland“ zusammengefasst und 1955 wurde unter dem damaligen griechischen Ministerpräsidenten Konstantinos Karamanlis das „Ministerium für Nordgriechenland“ geschaffen.

Staatsrechtlich bzw. amtlich wurde der Name „Makedonien“ für die griechische Region Makedonien von 1950 bis 1985 nicht verwendet. Nur informell wurde die Bezeichnung Makedonien verwendet. 1985 oder 1987 (je nach Quelle) wurde das Ministerium für Nordgriechenland in „Ministerium für Makedonien und Thrakien“ umbenannt. 1987 wurde die Hellenische Republik im Zuge des EG-Förderprogramms „Europa der Regionen“ in Verwaltungsregionen untergliedert, darunter die drei Verwaltungsregionen „West-Makedonien“, „Zentral-Makedonien“ und „Ost-Makedonien-Thrakien“. Damit war der Name „Makedonien“ staatsrechtlich bzw. amtlich wieder in der Hellenischen Republik eingeführt worden. Die Verwaltungsregionen dienten der unmittelbaren staatlichen Verwaltung nach regionalen Gesichtspunkten durch die Regierung der Hellenischen Republik und hatten kaum eigenständige Selbstverwaltungskompetenzen. Seit dem 01.01.2011 besteht die Hellenische Republik aus dreizehn Regionen mit Selbstverwaltungskompetenzen, die über eigene Regionalparlamente (Regionalräte) und eine gewählte Generalgouverneurin (Regionalpräsidentin) bzw. einen gewählten Generalgouverneur (Regionalpräsident) verfügen. In griechischen Teil von Makedonien bestehen seit dem 01.01.2011 die Regionen „West-Makedonien“, „Zentral-Makedonien“ und „Ost-Makedonien-Thrakien“.

Der serbische Teil von Makedonien (Vardar-Makedonien) wurde sowohl in Serbien (1912 – 1918) als auch im „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ (1918 – 1929) als „Südserbien“ bezeichnet. Mit dem Gesetz über die Neueinteilung des Königreiches vom 03.10.1929 wurde das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen in „Königreich Jugoslawien“ umbenannt und in 33 Banschaften (Banovine) untergliedert. Aus dem Gebiet von Vardar-Makedonien bzw. von Südserbien wurde die „Banschaft Vardar“ gebildet. Die Bezeichnung Banschaft leitet sich vom Begriff „Ban“ ab, der im Kroatien des Mittelalters und in Ungarn ursprünglich den höchsten Würdenträger nach dem König bezeichnete und später für die Gouverneure bestimmter, mehr oder weniger autonomer Teile des Königreiches benutzt wurde. Die Banschaften im Königreich Jugoslawien (1929 – 1941) wurden in der Regel nach Flüssen benannt und ihre Abgrenzungen erfolgten weder nach ethnischen noch nach historischen Gesichtspunkten.

Erst durch die kommunistische Partisanenbewegung unter Josep Broz Tito änderte sich auch die staatsrechtliche Situation für Vardar-Makedonien. Auf der zweiten Sitzung des Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens am 29.11.1943 wurden die ethnischen bzw. slawischen Makedonier erstmals als gleichberechtigt mit den übrigen jugoslawischen Völkern und damit als eigenständige Nation anerkannt. Mit dieser Anerkennung war auch die Schaffung eines makedonischen Staates innerhalb einer jugoslawischen Föderation verbunden. Damit wurde der Name „Makedonien“ staatsrechtlich im damaligen Jugoslawien als Bezeichnung für den makedonischen Staat auf dem Gebiet von Vardar-Makedonien eingeführt.

Am 02.08.1944 wurde im Kloster Prohor Pčinski die erste Tagung der Antifaschistischen Sobranje der Volksbefreiung Makedoniens eröffnet und damit der Schlussakt zur Gründung eines makedonischen Staates innerhalb des föderativen Jugoslawiens eingeleitet. Die „Volksrepublik Makedonien“ wurde formell am 30.04.1945 innerhalb der „Föderativen Volksrepublik Jugoslawien“ proklamiert und danach konstituiert. Am 07.07.1963 traten die am 07.03.1963 beschlossenen Änderungen der Staatsnamen der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien und der Volksrepublik Makedonien in Kraft; nach diesen Änderungen waren die offiziellen Staatsnamen „Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien“ und „Sozialistische Republik Makedonien“. Am 15.04.1991 änderte das makedonische Parlament den Namen von „Sozialistische Republik Makedonien“ in „Republik Makedonien“ um. Seit dem 12.02.2019 lautet der offizielle Staatsname aufgrund einer entsprechenden Änderung der makedonischen Verfassung im völker- und staatsrechtlichen Verkehr „Republik Nord-Makedonien“.