Meine persönliche makedonische Frage

von Andreas Schwarz

Seit 30 Jahren beschäftige ich mich mit dem Themenkomplex „Makedonien“. Für „Pelagon – Informationen und Nachrichten aus und über Makedonien / Südosteuropa“ schrieb ich vom 06.08.2009 bis zum 06.11.2021 rund 150 ausführliche und umfangreiche Artikel. Als Nachfolgeportal ging am 28.02.2022 der „Pelagon -Wissenschaftliche Dienst zu Makedonien und Südosteuropa“ an den Start. Ein guter Zeitpunkt, um nochmals Bilanz zu ziehen und zuvor meine persönliche Geschichte zu erzählen, wie es zu meiner Beschäftigung mit der makedonischen Frage kam. Ausgangspunkt war der seit dem Mai 1991 bestehende Streit um den Namen „Makedonien“ zwischen Griechenland und der Republik Makedonien. Erst in den Jahren 2018/2019 konnte dieser Streit überwunden werden. Dabei wurden einige wesentliche Aspekte des von mir entwickelten und favorisierten Lösungskonzepts aus dem Jahr 2008 verwendet.

Meine persönliche Geschichte zur makedonischen Frage

Von der unabhängigen „Republik Makedonien“ sowie den zwischen Griechenland und ihr bestehenden Streit um den Namen „Makedonien“ bekam ich zunächst überhaupt nichts mit. Überlagert wurden diesen Themen in den deutschen Medien vom Zerfall der „Sozialistisch Föderativen Republik Jugoslawien“ („SFRJ“) sowie von den Entwicklungen in den damaligen jugoslawischen Republiken Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro, Serbien und Slowenien. Der Krieg, zunächst in Slowenien, dann in Kroatien und Bosnien und Herzegowina war das beherrschende Thema jener Zeit. Auch der Zusammenschluss von Serbien und Montenegro zur „Bundesrepublik Jugoslawien“, welche in den Medien oft falsch als „Rest-Jugoslawien“ bezeichnet wurde, sowie die internationalen Sanktionen gegen diese wurden in den Medien ausführlich thematisiert.

Die Entwicklung in der ehemaligen jugoslawischen Republik Makedonien verlief hingegen relativ unspektakulär. Sie erklärte bereits im September 1991 ihre Unabhängigkeit von der SFRJ. In den Medien muss dies eine Randnotiz gewesen sein, denn ich bekam davon nichts mit. Vor allem verlief ihr Weg in die Unabhängigkeit ohne Krieg, was ich allerdings auch erst rund ein Jahr später realisierte. Vom sogenannten „Namensstreit“ bekam ich auch nichts mit. Dieser spielte ebenfalls in der deutschen Berichterstattung zum Zerfall Jugoslawiens und seiner Folgen keine wahrnehmbare Rolle. Erstmals gehört von einem bestehenden Namensstreit habe ich am 16.05.1992 als mir ein griechischer Freund davon erzählte. Allerdings war dies auch nur eine Randbemerkung und wurde von mir nicht weiter wahrgenommen.

Meine Mutter, Jahrgang 1943, kommt aus einem kleinen Dorf in der griechischen Region Makedonien, nur wenige Kilometer entfernt von der Grenze zur Republik Makedonien (seit dem 12.02.2019 „Republik Nord-Makedonien“) bzw. zum Grenzübergang Evzonoi – Gevgelija. Dieser Grenzübergang ist besonders während der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 im Fokus der Medien gewesen. Doch während des Zerfalls der SFRJ spielte er in den Medien keine Rolle. Meine Mutter hat den Bürgerkrieg in Griechenland (1946 – 1949), Griechenland als Königreich (1946 – 1974) und die erste Hälfte der Militärdiktatur (1967 – 1974) miterlebt. Allerdings lebte sie dann ab dem Jahr 1970 ununterbrochen in Deutschland und besuchte Griechenland erst ab 1992 wieder regelmäßig. Das Ende der Militärdiktatur im Jahre 1974 und die danach erfolgte Einführung des demokratisch-parlamentarischen Systems in Griechenland erlebte sie von Deutschland aus, wo es seinerzeit eine große griechische Gemeinschaft gab. Bei ihrer Reise 1992 begleitete ich, Jahrgang 1973, sie dann.

Am 03.07.1992 fuhren wir mit einem gecharterten Reisebus von Deutschland aus los. Wegen des Krieges in Kroatien und Bosnien und Herzegowina mussten wir zunächst über Ungarn fahren und erreichten am Morgen des 04.07.1992 die ungarisch-jugoslawische Grenze. Von dort aus ging es weiter durch die Bundesrepublik Jugoslawien, konkret durch ihre damalige Teilrepublik Serbien. Dort war kein ethnischer Krieg und die Reise verlief ohne Zwischenfälle. Vor und hinter Belgrad waren Militärkontrollen, doch auch diese wurde problemlos durchquert. Am Nachmittag erreichten wir dann eine Staatsgrenze, mit der ich bewusst nicht gerechnet hatte. Sie war behelfsmäßig eingerichtet. Es war die Grenze zwischen der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien und der Republik Makedonien. Der Busfahrer sagte lediglich „Willkommen in Makedonien“. In unserem Bus saßen überwiegend nur Griechinnen und Griechen. Diese reagierten auf den Namen „Makedonien“ überhaupt nicht. Ich selbst verwechselte Makedonien zunächst mit Montenegro und wunderte mich, dass Makedonien unabhängig war. In der Nacht vom 04. auf den 05.07.1992 kamen wir an der Grenze zu Griechenland an und am frühen Morgen in Thessaloniki. Dort wurden meine Mutter und ich von meiner Tante abgeholt. Im Haus meiner Tante angekommen, traf ich auch auf andere Verwandte, darunter meine Cousine. Ich erzählte kurz, dass Makedonien unabhängig sei und ich das gar nicht mitbekommen habe. Daraufhin sagte meine Cousine, dass dies nicht Makedonien sei und Makedonien hier in Griechenland lege. Des Weiteren dürften die sich nicht Makedonien nennen. Ich war etwas verwundert und nahm es nur zur Kenntnis.

Am Abend des gleichen Tages ging es in das Heimatdorf meiner Mutter, wo ich bis zur unserer Abreise auch den größten Teil der Zeit unseres Aufenthaltes in Griechenland verbracht habe. Nun bekam ich die Existenz des Streits um den Namen „Makedonien“ erst richtig mit. Makedonien lege nur in Griechenland und  die makedonische Geschichte und Kultur sei rein griechisch. Die Republik Makedonien wurde hierbei als „Skopja“ bezeichnet und ihre Bewohner als „Skopjana“. Des Weiteren würden die Bewohner der Republik Makedonien nicht aus Makedoniern sondern aus Albanern, Bulgaren und Serben bestehen. Hintergrund für die Namensgebung seien bloße Gebietsansprüche von Seiten der Republik Makedonien auf die griechische Region Makedonien. Manche sahen sogar eine Kriegsgefahr heraufziehen. In der damaligen Darstellung der Griechen sah es so aus, als wenn der Staat sich erst seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991 als Makedonien bezeichnen würde. Das hätte ich dann natürlich auch fragwürdig gefunden. Nur damals war ich noch nicht informiert und hatte kein Hintergrundwissen. Zunächst nahm ich den griechischen Standpunkt zur Kenntnis, doch blieb ich skeptisch. Ich war zwar am Anfang meiner wissenschaftlichen Ausbildung, doch blieben viele der Aussagen für mich zu unpräzise und zu plakativ. Während meiner ganzen damaligen Aufenthaltszeit in Griechenland bekam ich regelmäßig von dem sogenannten Namensstreit zu hören. Besonnene und kritische Stimmen oder gegenteilige Standpunkte vernahm ich dabei nicht.

Am Abend des 06.08.1992 sollte der Bus wieder zur Rückreise starten. Die Zeit in Griechenland gefiel mir so gut, dass ich im kommenden Jahr nach dem Ende meiner Ausbildung einen längeren Aufenthalt in Griechenland plante. Diesen Plan setzte ich dann auch um. Nach einigen Verabschiedungen von Bekannten, Freunden und Verwandten zog ich mich zu einer kleinen Kapelle im Wald zurück. Dort dachte ich über meine weiteren Vorhaben nach. Eines dieser Vorhaben war es sich mit dem Streit um den Namen „Makedonien“ und den Hintergründen dazu ausführlich zu beschäftigen. Die Gewinnung der hierfür erforderlichen Erkenntnisse sollte hierbei so objektiv wie möglich und nach rein wissenschaftlichen Kriterien erfolgen. Irgendwie zweifelte ich bereits zu diesem Zeitpunkt den einseitigen griechischen Standpunkt an. Dass daraus einmal eine 30-jährige, fachlich-fundierte Beschäftigung werden sollte, hätte ich damals noch nicht gedacht. Doch so ist es gekommen und heute verfüge ich über ein umfangreiches und detailliert fachliches Wissen zum Themenkomplex „Makedonien“.

Interessant war übrigens in dieser Hinsicht auch der Beginn unserer Rückreise. Wir stiegen an der Grenze in den Bus ein und fuhren dann am Abend des 06.08.1992 über die Grenze in die Republik Makedonien. Wieder sagte der Busfahrer „Willkommen in Makedonien“. Doch dieses Mal kam es zu wütenden Reaktionen von den griechischen Mitfahrern, die auf der Hinfahrt noch ausgeblieben waren. Allerdings waren sie ja jetzt von ihren Landsleuten in ihren Heimatorten auch ausführlich indoktriniert worden und gaben die von mir oben beschriebene griechische Sichtweise wieder. Trotz allem blieb ich bei meinem Vorhaben und dachte schon während der Rückreise darüber nach, wie ich es verwirklichen konnte. Am frühen Morgen des 08.08.1992 kamen wir wieder zu Hause an und schon im August 1992 fing ich an, mich ausführlich mit dem Themenkomplex Makedonien zu beschäftigen.

Zunächst besuchte ich zur Vertiefung Griechisch-Sprachkurse. Das erfolgte sowohl durch den Besuch der griechischen Schule in meinem deutschen Heimatort als auch durch den Besuch von entsprechenden Kursen an der Volkshochschule (VHS). Glücklicherweise wurden sowohl der Unterricht an der griechischen Schule als auch die Kurse an der VHS von derselben Lehrerin durchgeführt, was für mich besonders vorteilhaft war. Von Freunden lernte ich darüber hinaus auch die serbokroatische Sprache. Von 1998 bis 2000 lernte ich diese Sprache dann auch vier Semester lang an der VHS.

Vom 23.09.1993 bis zum 10.02.1994 besuchte ich dann – wie vorgesehen – die griechische Region Makedonien und auch die Republik Makedonien. Damit konnte ich auch persönliche Erkenntnisse vor Ort sammeln, Gespräche führen und mir den Sachverhalt aus der Nähe ansehen. Auch danach besuchte ich weitere Male Griechenland und die Republik Makedonien. Des Weiteren vertiefte ich mein Wissen durch eine umfangreiche Literaturrecherche. Hinzu kamen auch der Besuch von entsprechenden Lehrveranstaltungen an Universitäten sowie ausführliche Gespräche mit entsprechenden Lehrstuhlinhabern und Forschenden. Zusätzlich führte ich auch viele Gespräche mit Angehörigen der griechischen und der makedonischen Gesellschaft. Darunter waren einfache Bürgerinnen und Bürger, Politiker und Funktionsträger des Staates.

Meine Forschungen und Studien zum Themenkomplex Makedonien gehen bis heute weiter. Deren Ergebnisse werden auch veröffentlicht. Vom 06.08.2009 bis zum 06.11.2021 schrieb ich für das Portal „Pelagon – Nachrichten und Informationen aus und über Makedonien“. Seit dem 01.01.2010 war ich in der Funktion als zweiter Chefredakteur zentral verantwortlich für die Themengebiete Geschichte, Politik und Recht sowie für den Streit um den Namen „Makedonien“ zwischen Griechenland und der Republik Makedonien. Zu meinen Aufgaben gehörten insbesondere:

  • Recherche von Hintergrundinformationen zu tagesaktuellen Themen aus unterschiedlichen Bereichen.
  • Das Verfassen von ausführlichen Artikeln, Berichten und Analysen zu den Themengebieten Makedonien, ehemaliges Jugoslawien, Griechenland, südosteuropäische Staaten, Geschichte des südosteuropäischen Raumes und Völkerrecht sowie zum jugoslawischen und makedonischen Staatsrecht.
  • Aufbau einer Wissensdatenbank mit Hintergrundinformationen zu Makedonien, dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland und Südosteuropa.
  • Aufbau und Pflege eines Netzwerks zu Instituten, politischen Verbänden, Parteien, Journalisten, Botschaftern und Ministerien in Deutschland sowie in Makedonien und Griechenland.

Seit dem 24.04.2014 betrieben wir im Rahmen von Pelagon auch einen „Wissenschaftlichen Dienst zu Makedonien und Südosteuropa“. Diesen führen wir nun als eigenständiges Portal weiter. Das ursprüngliche Nachrichtenportal stellten wir am 06.11.2021 ein. Es fanden sich leider nicht genügend ehrenamtliche Redakteurinnen und Redakteure, so dass wir das Nachrichtenportal nicht mehr mit der gewohnten Qualität hätten weiterführen können.

Neben meinen persönlichen Studien entwickele ich auch Lösungsansätze zur Beendigung des Kulturstreits um Makedonien zwischen Bulgarien, Griechenland und der Republik Makedonien, sowie zur Überwindung des sogenannten Namensstreits zwischen Griechenland und der Republik Makedonien. Auf den Dreistufen-Plan zur Überwindung des Streits wird am Schluss des Artikels ausführlich eingegangen. Nachfolgend gebe ich meine Sicht zur makedonischen Frage und zum Kulturkampf um Makedonien, einschließlich des Streits um den Namen Makedonien, wieder.

Die Quelle – das antike Makedonien

Namensgeber für die Region Makedonien sind die antiken Makedonier. Nach vorherrschender Auffassung in der Wissenschaft waren die antiken Makedonier ein antiker griechischer Volksstamm, der auch mit Illyrern und Thrakern vermischt war. Im Verhältnis zu den anderen antiken griechischen Stämmen waren die antiken Makedonier recht eigenständig. Andere Auffassungen sprechen daher auch von einer Verwandtschaft zwischen antiken Makedoniern und den (anderen) antiken griechischen Stämmen. Es gibt auch die Auffassung, wonach die antiken Makedonier ein eigenständiger Volksstamm waren und erst später hellenisiert wurden. Die antike makedonische Sprache war entweder ein antiker griechischer Dialekt oder eine eigenständige Sprache, die mit der antiken griechischen Sprache verwandt war. Heute gibt es die antiken Makedonier jedoch nicht mehr. Sie sind zusammen mit den anderen antiken griechischen Stämmen und wohl auch anderen Völkern im Griechentum der alexandrinischen, römischen und byzantinischen Zeit aufgegangen. Das antike Makedonien unterschied sich als Königreich auch von seiner staatlichen Struktur her von den antiken griechischen Stadtstaaten. Unter dem makedonischen König Phillip II. kamen die antiken griechischen Stadtstaaten unter die Herrschaft Makedoniens. Dies diente dann dem makedonischen König Alexander dem Großen, dem Sohn von Phillip II., als Basis für seine Feldzüge. Mit seinem Weltreich wurde auch der Hellenismus weit verbreitet. Zweifellos war das antike Makedonien von der griechischen Kultur geprägt.

Das antike und das heutige Makedonien

Aus persönlicher Sicht habe ich der Wissenschaft bezüglich Makedoniens keinen hiervon abweichenden Standpunkt entgegenzusetzen. Um die heutige Republik Nord-Makedonien zu rechtfertigen bedarf es keiner „Enthellenisierung“ des antiken Makedoniens. Dieser Fehler wird durchaus gemacht, allerdings ist dies nicht zielführend. Das heutige Makedonien unterscheidet sich sowohl territorial als auch von seiner Bevölkerung her vom antiken Makedonien. Auch kann gesagt werden, dass die Art des antiken Makedonien und der antiken Makedonier nicht die Art des heutigen Makedonien und der heutigen makedonischen Bevölkerung präjudiziert. Das gilt sowohl für die Argumentation aus Sicht Griechenlands als auch aus Sicht der Republik Nord-Makedonien. Die heutigen Makedonier dürften keine direkte Berührung mehr mit den antiken Makedoniern gehabt haben. Im Falle der heutigen Makedonier müssen wir vor allem zwei Fälle unterscheiden: Die ethnischen bzw. slawischen Makedonier und die griechischen Makedonier. Die ethnischen bzw. slawischen Makedonier bilden eine eigenständige Kulturnation und sprechen die makedonische Sprache. Die heutige makedonische Sprache ist eine südslawische Sprache und hat nichts mit der antiken makedonischen Sprache zu tun. Die ethnischen bzw. slawischen Makedonier leben hauptsächlich in der Republik Nord-Makedonien und als Minderheit auch in den Nachbarstaaten der Republik Nord-Makedonien. Bei den griechischen Makedoniern handelt es sich um ethnische Griechen, die in der griechischen Region Makedonien leben oder aus ihr abstammen. Sie haben eine besonders ausgeprägte makedonische Regionalidentität entwickelt und sprechen die griechische Sprache. Auch die griechischen Makedonier stellen keine Abbildung der antiken Makedonier in die heutige Zeit dar.

Das heutige Makedonien

Das antike Makedonien lässt sich historisch relativ klar beschreiben, wenngleich es auch dazu noch offene Fragen gibt. Auch später wurde der Name teilweise administrativ weiterverwendet, so zum Beispiel für die Bezeichnung einer römischen Provinz („Macedonia“). Allerdings unterschieden sich die im Laufe der Geschichte als Makedonien bezeichneten Gebiete territorial vom antiken Makedonien. So kamen bisher nicht zu Makedonien gehörende Gebiete dazu und umgekehrt. So gehörten große Teile der heutigen Republik Makedonien nicht zum antiken Makedonien, während das Territorium der griechischen Region Makedonien weitgehend auf dem ursprünglichen Gebiet des antiken Makedoniens liegt. Dies wird von griechischer Seite oft als Argument gegen die Bezeichnung der Republik Makedonien verwendet. Allerdings werden in diesem Fall einfach antike Maßstäbe undifferenziert auf die heutige Zeit angewendet. Die dazwischen liegende Entwicklung und Geschichte wird ausgeblendet. Doch genau hier liegt der Fehler in der griechischen Argumentation.

Die heutige Definition des makedonischen Territoriums ist eng mit dem Aufkommen der makedonischen Frage verknüpft. Diese Frage betraf das Schicksal der vor allem christlichen und nicht-osmanischen Bevölkerung im Osmanischen Reich ab dem 19. Jahrhundert. Dafür benötigte man einen Rahmen. Besonders als spätestens ab 1878 Bulgarien, Griechenland, Montenegro und Serbien unabhängig waren, blieb ein europäisches Gebiet dazwischen Teil des Osmanischen Reiches. Da dieses Gebiet überwiegend mit dem Territorium des ursprünglichen Makedonien übereinstimmte, bekam es den Namen Makedonien. Das liefert uns die bis heute gültige Definition für die geografische Region Makedonien: Als Makedonien wird in der politisch-geografischen Terminologie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jene Region bezeichnet, die zu den ersten Gebieten auf europäischem Boden gehörte, die vom Osmanischen Reich erobert worden ist, und die bis 1912 am längsten von allen Teilen des Balkan unter Herrschaft des Osmanischen Reiches blieb. Nach zwei Balkankriegen (1912/13) wurde das so definierte Territorium von Makedonien (67.313 km²) zwischen den Staaten Bulgarien (Pirin-Makedonien, 6800 km²), Griechenland (Ägäisch-Makedonien, 34.800 km²) und Serbien (Vardar-Makedonien, 25.713 km²) aufgeteilt. Auf dem serbischen bzw. jugoslawischen Teil von Makedonien wurde am 02.08.1944 der makedonische Staat gegründet, welcher sich zunächst im Rahmen einer jugoslawischen Föderation befand und sich am 18.09.1991 für Unabhängig erklärte. Heute ist der makedonische Staat ein anerkanntes Völkerrechtssubjekt. Von dieser Definition aus dem 19. Jahrhundert müssen wir ausgehen, wenn wir heute von Makedonien sprechen. Auch ich gehe grundsätzlich von dieser Definition aus.

Der Name des Staates und der Bevölkerung

Bei dem Namen der Republik Nord-Makedonien handelt es sich um eine Territorialableitung, da das Territorium der Republik Nord-Makedonien gemessen an der heutigen Definition für Makedonien vollständig auf dem Gebiet der Region Makedonien liegt. Die makedonische Bevölkerung leitet ihre Eigenbezeichnung ebenfalls von ihrem Siedlungsgebiet Makedonien ab. Das gilt sowohl für die ethnischen bzw. slawischen Makedonier als auch für die griechischen Makedonier. Im geografischen Sinne sind alle Einwohner der Region Makedonien unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit Makedonier. Jeder Einwohner der Region Makedonien kann sich daher auch zu Recht und folgerichtig als Makedonier bezeichnen.

Problematisch aus Sicht Griechenlands ist besonders die Existenz einer nicht-griechischen und eigenständigen makedonischen Ethnie. Aus griechischer Sicht gibt es nur Makedonier im geografischen Sinne. Entsprechend kann es aus griechischer Sicht auch keine ethnisch-makedonische Minderheit in Griechenland geben. Die Bezeichnung einer nicht-griechischen Ethnie als makedonisch sei unzulässig, da der Begriff Makedonien Teil der griechischen Kultur sei.

Aus bulgarischer Sicht sind die ethnischen bzw. slawischen Makedonier Teil der bulgarischen Kulturnation und nicht eigenständig. Allerdings sehen sich die ethnischen bzw. slawischen Makedonier nicht als Bulgaren oder Serben an. Gerade aufgrund der bulgarischen und der serbischen Assimilierungsversuche und der besonderen geschichtlichen Entwicklung der Region Makedonien, die wesentlich länger Teil des Osmanischen Reiches war, kam es zu einer separaten Entwicklung der makedonischen Bevölkerung. In einem Teil von Makedonien, hauptsächlich im serbischen bzw. jugoslawischen, führte diese separate Entwicklung zur Herausbildung einer makedonischen Kulturnation. Diese Kulturnation ist ebenso eigenständig wie die bulgarische oder die serbische Kulturnation. Auch die Frage, ob die makedonische Sprache eigenständig oder ein westbulgarischer Dialekt sei, ist vielmehr eine politische Frage. Oft sind Sprachen an eine Nation gebunden und demnach wäre Makedonisch eine eigenständige Sprache.

Nach meiner Auffassung ist die Bezeichnung des Staates als Republik Makedonien bzw. Republik Nord-Makedonien eine logische Territorialableitung, die zulässig ist. Allerdings hat die Republik Nord-Makedonien ebenso wie Griechenland kein Monopol auf die Bezeichnung Makedonien. Auch die Bezeichnungen für die makedonischen Kulturnation und Sprache sind entsprechend folgerichtig und zulässig. Gleiches gilt allerdings auch für die griechischen Makedonier und ihre makedonische Regionalidentität. Auch hier gibt es kein Monopol für irgendeine Seite auf die entsprechenden Bezeichnungen. Selbst ein griechischer Ursprung der Bezeichnung Makedonien würde keine Monopolisierung dieses Begriffes nur durch Griechenland rechtfertigen. Es kommt grundsätzlich auf die heutige Bedeutung der Begriffe „Makedonien“, „Makedonier“, „Makedonisch“ und „makedonisch“ an.

Die Grenzen der bulgarischen und griechischen Auffassungen

Es käme politisch wahrscheinlich niemand auf die Idee die bosnische, kroatische und serbische Sprache als verschiedene Dialekte einer Sprache anzusehen. Auch sind Kroaten keine katholischen Serben und Serben keine orthodoxe Kroaten. Im Falle der ethnischen bzw. slawischen Makedonier wird genau das von bulgarischer und griechischer Seite argumentativ versucht. Das führt allerdings nicht weiter. Wenn es nämlich in einem Fall gemacht wird, dann müsste es in anderen Fällen auch gelten. Mit den Argumentationen aus Bulgarien und Griechenland könnten bei strenger Anwendung auch die Eigenständigkeit der Bosnier, Kroaten, Montenegriner oder Serben negiert werden.

Ein besonderes Beispiel soll das verdeutlichen: Der serbische Teil von Makedonien hieß von 1918 bis 1929 einfach Südserbien und von 1929 bis 1941 Banschaft Vardar. Dies wird von griechischer Seite oft gegen die heutige Bezeichnung des Gebietes als Makedonien ins Feld geführt. Wenn diese Argumentation stimmen würde, dann gäbe es auch kein Kroatien, kein Bosnien und Herzegowina, kein Montenegro und kein Serbien. Denn keine jugoslawische Banschaft trug diese Bezeichnungen. Ethnische Bezeichnungen sollten im zentralistisch verwalteten Königreich Jugoslawien bewusst negiert werden. Eine Banschaft wurde nach einer Küste, alle anderen nach Flüssen benannt.

In Griechenland selbst wurde die administrative Bezeichnung Makedonien in den 50er Jahren abgeschafft und erst Mitte der 80er Jahre wieder eingeführt. Das zuständige Ministerium hieß lange Zeit Ministerium für Nordgriechenland und wurde erst in den 80er Jahren in Ministerium für Makedonien und Thrakien umbenannt. Ich würde deshalb nicht auf die Idee kommen die Rechtmäßigkeit der Bezeichnungen für die griechischen Regionen West-Makedonien, Zentral-Makedonien und Ost-Makedonien-Thrakien anzuzweifeln. Nach der griechischen Argumentation im Falle der Republik Makedonien müsste allerdings genau das erfolgen. Es muss auch unterschieden werden, wie eine Region völkerrechtlich im Rahmen eines internationalen Vertrages (z. B. Vertrag von Bukarest vom 10.08.1913) oder als Teil eines Staates staatsrechtlich bezeichnet wird. Das muss nicht zwingend identisch sein. Auch ist völkerrechtlich nicht verboten anstelle einer bestimmten Bezeichnung die ursprüngliche Bezeichnung zu verwenden.

Zusammengefasst kann gesagt werden: Argumentationen gegen die Bezeichnungen des makedonischen Staates sowie der makedonischen Nation und Sprache sind oft einseitig und widersprüchlich. Auch mangelt es oft an einer objektiven Bewertung des Sachverhaltes.

Das makedonische Namensproblem völkerrechtlich betrachtet

Die Republik Nord-Makedonien macht nur einen Teil der gesamten Region Makedonien aus. Auch wird in Griechenland der Name Makedonien verwendet. Aus diesem Grunde dürfe aus griechischer Sicht die Republik Nord-Makedonien nicht einfach nur „Makedonien“ heißen. Vielmehr dürfe dieser Name nur in zusammengesetzter Form mit einer geografischen Spezifizierung verwendet werden, so wie seit dem 12.02.2019 in Form von „Republik Nord-Makedonien“. Dieses Problem besteht allerdings nur aus Sicht Griechenlands. Aus Sicht des Völkerrechts stellt die Verwendung eines Namens, der zugleich auch als Name eines anderen Staates oder einer Region innerhalb eines anderen Staates verwendet wird, kein Problem dar. Beispiele hierfür sind die Demokratische Republik Kongo und die Republik Kongo (zwei Völkerrechtssubjekte), das Großherzogtum Luxemburg (Völkerrechtssubjekt) und die belgische Provinz Luxemburg oder auch die Aserbaidschanische Republik (Völkerrechtssubjekt) und die iranische Provinz Aserbaidschan. Dies kommt regelmäßig in den Fällen vor, wo eine historisch gewachsene geografische Region mit einem bestimmten Namen auf mehrere Staaten verteilt ist. Liegt der entsprechende Staat vollständig in dieser Region, kann es auch seine völkerrechtliche bzw. staatsrechtliche Bezeichnung vom Namen dieser Region ableiten (Territorialableitung). Liegen nur Teile eines Staates in einer bestimmten Region, werden die entsprechenden Provinzen dieses Staates nach dieser Region benannt.

Im Falle der geografischen Region Makedonien und der an ihr beteiligten Staaten dürfte dies nicht anders gehandhabt werden. Demnach würde die Republik Makedonien bzw. Republik Nord-Makedonien aus völkerrechtlicher Sicht zu Recht den Namen Makedonien tragen ohne die völkerrechtlichen Rechte Griechenlands zu verletzten. Aufgrund des völkerrechtlich verbrieften Selbstbestimmungsrechtes eines Volkes kann ein jedes Volk den Namen seines Staates, seiner Nation und seiner Sprache grundsätzlich frei wählen. Grenzen werden diesem Recht nur aufgrund des ebenfalls völkerrechtlich verbrieften Rechtes eines anderen Staates auf seine territoriale Integrität gesetzt. Allerdings wird die territoriale Integrität Griechenlands durch die verfassungsmäßige Bezeichnung der Republik Makedonien bzw. Republik Nord-Makedonien nicht verletzt, auch wenn dies von griechischer Seite unterstellt wird.

Meine persönlichen Schlussfolgerungen zur makedonischen Frage

Die griechischen Positionen in der Namensfrage der Republik Makedonien entstammen größtenteils keiner objektiven Würdigung des Sachverhalts. Sie beruhen zum Teil auf Ängsten, die von der Zeit des griechischen Bürgerkrieges (1946 bis 1949) herrühren. Im griechischen Bürgerkrieg kämpften Kommunisten und die damalige griechische Monarchie um die Vorherrschaft in Griechenland. Die Monarchie wurde überwiegend als legitime Regierung Griechenlands anerkannt. Die Kommunisten wurden anfangs von den Staaten des Ostblocks und von Jugoslawien unterstützt, die jedoch später aus politischen Gründen ihre Unterstützung einstellten.

In diesem Bürgerkrieg wurde auch die makedonische Frage thematisiert. So gab es Pläne für eine Autonomie der griechischen Region Makedonien oder sogar für deren Abspaltung und Vereinigung mit den anderen Teilen Makedoniens. Die griechische Monarchie gewann den Bürgerkrieg. Allerdings bekam der Bürgerkrieg in der Retrospektive einen überwiegend internationalen Anstrich. Vielmehr ging es im griechischen Bürgerkrieg um die Abwehr des slawischen Kommunismus, also vor allem um die slawischen Einfälle in Griechenland. Die griechischen Kommunisten waren dementsprechend alle Verräter und Komplizen dieser slawischen Kommunisten. Entsprechend wird auch alles nicht-griechisch makedonische als Angriff auf Griechenland wahrgenommen.

Eine objektive und differenzierte Beschäftigung mit der makedonischen Frage fand nicht statt. In den griechischen Bildungseinrichtungen wurde das Thema Makedonien ausschließlich im griechisch-nationalen Sinne behandelt. Selbst die griechische Wissenschaft beschäftigte sich nicht weiter mit der makedonische Frage. Als die Republik Makedonien sich für Unabhängig erklärte, war sie für viele Griechinnen und Griechen wie aus dem nichts da. Scharfmacher übernahmen die Meinungsbildung und wieder fand keine objektive Bewertung des Sachverhaltes statt. Das ist bis heute noch so, auch wenn aufgrund des Prespa-Abkommens vom 17.06.2018 langsam ein Umdenkprozess stattfinden dürfte.

Allerdings muss auch gesagt werden: In der Republik Nord-Makedonien ist das zum Teil nicht anders. Auch dort wird eine rein nationale Sicht auf die makedonische Frage vertreten. Vor allem die zunehmende Bezugnahme auf die antike makedonische Geschichte muss hierbei kritisch gesehen werden. Statt miteinander objektiv über die Geschichte zu reden werden vollendete Tatsachen geschaffen. Die Wahrheit bleibt oft auf beiden Seiten auf der Strecke. Hier liegt auch das Problem. Nicht Namensänderungen oder Namenszusätze zum verfassungsmäßigen Namen der Republik Makedonien bzw. Republik Nord-Makedonien sind die Lösung, vielmehr muss eine inhaltliche Klärung erfolgen. Ich definierte eine spezielle makedonische Frage als Ursache für den überwundenen Namensstreit, der vielmehr ein starkes Symptom des griechisch-makedonischen Kulturstreits war. Bei der speziellen makedonischen Frage geht es um die Identität der makedonischen Bevölkerung. Letztendlich geht es um folgende Fragen:

  • Von welcher Art waren das antike Makedonien und die antiken Makedonier?
  • Von welcher Art sind das heutige Makedonien und die heutigen Makedonier?
  • In welchem Verhältnis stehen das heutige Makedonien und die heutigen Makedonier zum antiken Makedonien und zu den antiken Makedoniern?

Diese Fragen sind zunächst akademischer Natur und bedürfen deshalb zunächst einer wissenschaftlich-objektiven Klärung. Erst dann kann eine politische Klärung erfolgen.

Mein favorisiertes Lösungsmodell von 2008

Bereits am 22.08.2008 veröffentlichte ich einen Lösungsvorschlag zur Überwindung des Kultur- und Namensstreits, welcher am 04.02.2009 überarbeitet wurde und Eingang in meine Abhandlung „Die erweiterte makedonische Frage als völkerrechtliches Problem“ vom 06.08.2009 fand. Diese Abhandlung wurde noch einmal überarbeitet und ist bis heute in der Version vom 06.08.2010 veröffentlicht. In Zusammenarbeit mit Goran Popcanovski wurde dieses Modell immer mehr verfeinert und ausdifferenziert. Die Eckpunkte unseres Lösungsmodells sind:

  • Die makedonische Frage soll im Rahmen eines neutralen und unabhängigen Expertengremiums unter Beteiligung der betroffenen Parteien objektiv-wissenschaftlich geklärt werden.
  • Diese objektiv-wissenschaftliche Klärung soll von beiden Parteien im Rahmen ihrer nationalen Bildungs- und Informationspolitik umgesetzt werden.
  • Griechenland akzeptiert den verfassungsmäßigen Namen der Republik Makedonien, kann im bilateralen Verkehr zu ihr jedoch eine hiervon abweichende Bezeichnung benutzen. Des Weiteren erkennt Griechenland die ethnischen bzw. slawischen Makedonier als Nation an.
  • Die Republik Makedonien erkennt die Bedeutung des antiken Makedoniens für die griechische Kultur und Geschichte an und erhebt niemals Ansprüche auf den griechischen Teil von Makedonien.
  • Beide Seiten erkennen an, dass die Begriffe „Makedonien“, „Makedonierin bzw. Makedonier“, „Makedonisch“ und „makedonisch“ zu unterschiedlichen Zeiten auch eine unterschiedliche kulturelle und personelle Bedeutung gehabt haben. Jede der Parteien darf sich bezüglich dieser Begriffe nur auf dem jeweils ihr zugehörigen kulturellen und historischen Kontext bzw. ihren Anteil an der makedonischen Kultur und Geschichte beziehen. Die genauen Abgrenzungen sollen im Rahmen des Expertengremiums erfolgen.
  • Das Expertengremium soll durch einen Vertrag zwischen beiden Parteien oder durch Beschluss des UN-Sicherheitsrates eingesetzt werden.

Dieses Lösungsmodell wurde von uns favorisiert, dafür haben wir uns dann auf vielfache Weise eingesetzt. So schickten wir dieses Lösungsmodell an die Regierungen der betroffenen Staaten, auch an die Europäischen Union (EU) und die Vereinten Nationen (UN). Des Weiteren wurde die deutsche und österreichische Bundesregierung ebenfalls um Mitwirkung gebeten. In einer Petition an den Deutschen Bundestag vom 20.08.2009 setzte ich mich für einen aktiven und intensiven Beitrag der Bundesrepublik Deutschland zur Klärung der Namensfrage und zur Lösung des Namensstreits zwischen der Hellenischen Republik und der Republik Mazedonien auf Basis unseres Lösungsmodells ein. Diese Petition war sehr erfolgreich und wurde vom Petitionsausschuss am 26.10.2010 positiv beschieden und als besonders Wertvoll erachtet. So wurde sie auch auf der Website des Deutschen Bundestages veröffentlicht und fand sogar etwas Beachtung in den Medien. Auch Politiker äußerten sich sehr positiv über unser Lösungskonzept. Doch im Ergebnis fand unser Lösungsmodell zunächst keine große Beachtung. In Griechenland und der Republik Makedonien blieb es jeweils beim Status quo. Beide Seiten konnten oder wollten sich nicht auf eine tragfähige Lösung einigen. Zu dieser Zeit war die Politik auf beiden Seiten vor allem konservativ-national ausgerichtet. Von beiden Parteien, jedoch besonders aus Griechenland, gab es negative Kritik an unserem Lösungskonzept.

Die Wende

Bei der Parlamentswahl in Griechenland am 25.01.2015 siegte das Linksbündnis SYRIZA unter Vorsitz von Alexis Tsipras, welcher am Tag darauf griechischer Ministerpräsident wurde und mit einer kurzen Unterbrechung bis zum 08.07.2019 im Amt war. In der Republik Makedonien konnten nach den Parlamentswahlen vom 11.12.2016 am 31.05.2017 die Sozialdemokraten (SDSM) unter Zoran Zaev die Regierung übernehmen. Damit waren in beiden Staaten linke Regierungen an der Macht, welcher deutlich weniger nationalistisch gesinnt waren als die Vorgängerregierungen.

Zunächst erreichte die Republik Makedonien durch Vertrag mit Bulgarien vom 01.08.2017 eine Übereinkunft, den zwischen ihnen bestehenden Kulturstreit um Makedonien zu beendeten. Im Januar 2018 wurden die Gespräche zwischen Griechenland und der Republik Makedonien im Rahmen der UN wieder aufgenommen. Beide Seiten hatten dieses Mal ein ernsthaftes Interesse daran, den zwischen ihnen bestehenden Kulturstreit zu überwinden. Es wurde bis Juni 2018 hart verhandelt. Zeitweise stand sogar ein Scheitern im Raum, doch am 12.06.2018 erreichten der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras und der makedonische Ministerpräsident Zoran Zaev eine Lösung. Am 17.06.2018 unterzeichneten der griechischen Außenminister Nikos Kotzias und der makedonische Außenminister Nikola Dimitrov in einem Ort am Prespasee den daraus resultierenden Vertrag.

Dieser Vertrag wurde dann final durch eine Änderung der makedonischen Verfassung vom 11.01.2019 und durch die Ratifizierung im griechischen Parlament am 25.01.2019 völkerrechtlich wirksam. Am 12.02.2019 traten die wesentlichen Bestimmungen in Kraft. Seitdem heißt die Republik Makedonien im völker- und staatsrechtlichen Verkehr „Republik Nord-Makedonien“

Die wesentlichen Punkte des von uns favorisierten Lösungsmodells sind in die Verträge zwischen Bulgarien, Griechenland und der Republik Nord-Makedonien mit eingeflossen. Das war aus unserer Sicht folgerichtig und die daraus resultierenden Mechanismen dürften sehr geeignet sein, den Kulturstreit um Makedonien zu überwinden, wenn sie konsequent umgesetzt werden. Inwieweit unser Lösungsmodell bewusst von den beteiligten Akteuren berücksichtigt wurde oder ob sie selbst auf vergleichbare Lösungen gekommen sind, ist an sich unwichtig, wichtig ist, das es eine entsprechende Lösung gibt.

Ausblick

Der Erfolg des Vertrages hängt von der Bereitschaft aller zukünftig politisch und staatlich Verantwortlichen in Griechenland und der Republik Nord-Makedonien ab, diesen auch sinn- und zweckgemäß umzusetzen. Wenn der Vertrag und die darin vorgesehenen Lösungsmechanismen konsequent umgesetzt werden, dann kann der Kulturstreit um Makedonien auch materiell eines Tages endgültig überwunden werden. Wirkliche Alternativen zu der erreichten Lösung dürfte es auch nicht geben.

National-konservative Politiker könnten versucht sein, das Abkommen von Prespa zu unterlaufen und damit den Kulturstreit um Makedonien am Köcheln zu halten. Es muss allerdings nicht zwingend so sein. Die national-konservativen Akteure könnten auch den Wert der erreichten Lösung erkennen und weiter an ihr festhalten. In diesem Falle wäre der Frieden endgültig gewonnen und der Kulturstreit überwunden. Doch das bleibt abzuwarten.

Natürlich hat der Vertrag auf beiden Seiten auch Gegner. Wie bei jedem Kompromiss konnten beide Seiten nicht komplett ihre Vorstellungen und Wünsche durchsetzen. Des Weiteren ist die Namensänderung auch mit erheblichen Kosten verbunden, welche auch die Bürgerinnen und Bürger der Republik Nord-Makedonien zu tragen haben. So müssen zum Beispiel neue Pässe und andere Dokumente beantragt und bezahlt werden. Trotz dieser Härten ist der Gewinn der erreichten Lösung größer. Die Republik Nord-Makedonien kann an der Integration in die Europäische Union (EU) und NATO teilhaben. Dies führt im Ergebnis auch zu einer Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Situation und damit auch zu einem Abbau der inner-ethnischen Konflikte. Die Bürgerinnen und Bürger der Republik Nord-Makedonien haben die reelle Chance auf eine positive Entwicklung ihren sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Die makedonische Frage würde sich bei konsequenter und folgerichtiger Umsetzung der vertraglich vereinbarten Lösung klären und eine für alle beteiligten Parteien einvernehmliche Antwort finden. Mit einer möglichen EU-Mitgliedschaft der Republik Nord-Makedonien wäre die gesamte geografische Region Makedonien unter dem Dach der Europäischen Union vereint, da ja Bulgarien und Griechenland mit ihren Anteilen an dieser Region bereits EU-Mitglieder sind. Naheliegend wäre dann die Gründung einer europäischen Kulturregion Makedonien, an der Bulgarien, Griechenland und die Republik Nord-Makedonien beteiligt wären. Die makedonische Frage würde in diesem Fall ihre symbolische Klärung finden. Die Verträge zwischen Bulgarien, Griechenland und der Republik Nord-Makedonien aus den Jahren 2017 und 2018 können also zu einer historischen und prosperierenden Entwicklung in der Kulturregion Makedonien führen, zum Wohle der dortigen Bevölkerung und zum Wohle der einstigen Parteien im Kulturstreit um Makedonien.

Persönliches

Seit 30 Jahren ist Makedonien ein bewusster Teil meines Lebens und es bleibt vor allem ein sehr interessantes Thema. Auch persönlich bin ich aufgrund meiner griechisch-makedonischen Mutter mit Makedonien verbunden bzw. ich bin zur Hälfte griechischer Makedonier.

Das es auch ethnische bzw. slawische Makedonier und eine Republik Nord-Makedonien gibt, ist für mich kein Widerspruch zur griechischen Kultur und Geschichte. Ganz im Gegenteil, nach meiner Auffassung bereichert die kulturelle Vielseitigkeit Makedoniens und ihrer Bewohner auch die griechische Kultur. Wir leben heute nicht mehr in der Antike. Die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich seitdem massiv geändert. Wenn nun die Geschichte und kulturelle Entwicklung der Region Makedonien auch ethnische bzw. slawische Makedonier hervorgebracht hat, dann spricht das unter anderem auch für die Vielseitigkeit der griechischen Kultur und ist eine zusätzliche Bereicherung für Griechenland.

Natürlich darf diese Entwicklung nicht auf Kosten der griechischen Geschichte und Kultur gehen. Doch das tut sie von Ausnahmen abgesehen nach meiner Auffassung auch nicht. Persönlich wünsche ich mir eine endgültige Überwindung des Kulturstreits zwischen Bulgarien, Griechenland und Nord-Makedonien um „Makedonien“. Dieser Streit muss jedoch nach einer objektiven Würdigung des Sachverhalts, gerecht und mit gegenseitigem Verständnis füreinander überwunden werden. Dafür werde ich mich auch weiterhin sehr gerne einsetzen. Eines Tages, so hoffe ich, werden alle Staaten des Balkans im Rahmen der Europäischen Union (EU) vereint sein. Des Weiteren würde ich mir die Gründung der Kulturregion Makedonien unter dem Dach der EU sehr wünschen. In ihr soll sich die Vielseitigkeit Makedoniens voll entfalten können. Gleichzeitig soll sich die freundschaftlichen Bindungen und gut nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Bulgarien, Griechenland und Nord-Makedonien stärken

Danksagungen

Vom 06.08.2009 bis zum 06.11.2021 schrieb ich für Pelagon – Nachrichten und Informationen aus und über Makedonien, seit dem Jahr 2010 in der Funktion als zweiter Chefredakteur. Am 28.02.2022 starteten wir mit dem „Pelagon – Wissenschaftlichen Dienst zu Makedonien und Südosteuropa“. Zu großem Dank bin ich daher meinem Kollegen und bisherigem erstem Chefredakteur Goran Popcanovski verpflichtet! Wir sind ein sehr gutes Team und arbeiten seit mehr als 10 Jahren sehr gut zusammen. Unter anderem hat er einige meiner Texte Korrektur gelesen und mich technisch unterstützt. Darüber hinaus arbeitete ich mit Goran Popcanovski auch fachlich und an einer Lösungsfindung im sogenannten Namensstreit zusammen. Im Jahr 2014 haben wir zusammen den Wissenschaftlichen Dienst zu Makedonien / Südosteuropa erfolgreich aufgebaut und führen diesem seit dem 28.02.2022 in neuer Form weiter. Insgesamt eine sehr fruchtbare und sehr wertvolle Zusammenarbeit!

Doch ohne weitere Unterstützung würde mir diese Arbeit deutlich schwerer fallen. Mein großer Dank gilt daher auch Martin Wosnitza, der seit über 10 Jahren regelmäßig alle meine großen Artikel professionell Korrektur liest und damit wesentlich zum Gelingen dieser Artikel beiträgt! In diesen rund 10 Jahren waren es über 100 Artikel! Über das reine Korrekturlesen hinaus gibt er mir wertvolle Tipps und macht wichtige Anmerkungen. Die Zusammenarbeit mit Martin Wosnitza ist ebenfalls sehr fruchtbar und sehr wertvoll.

Zu großem Dank bin ich auch Kornelija Utevska-Gligorovska, Holger-Michael Arndt, Goce Peroski, Anna Langosch und Justine Schindler verpflichtet! Sie haben uns in der Vergangenheit bei unserer Arbeit auf verschiedene Weise sehr unterstützt. Auch allen namentlich nicht genannten Personen, die mir ebenfalls geholfen haben, möchte ich an dieser Stelle ein großes Dankeschön aussprechen! Ebenfalls ein großes Dankeschön auch an alle meine Leserinnen und Leser!

Zu den Themen Makedonien und Jugoslawien schrieb ich folgende ausführliche Abhandlungen:

Die makedonische Frage

Die erweitere makedonische Frage als völkerrechtliches Problem

Die jugoslawische Frage