Aus der FAZ: „Ein peinlicher geschichtspolitischer Aufruf“

In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erscheint ein sehr interessanter Artikel von Uwe Walter, der die Briefe pro-griechsicher Wissenschaftler an den US-amerikanischen Präsidenten Obama analysiert, und dabei feststellt, dass einige Wissenschaftler zu Ideologen geworden sind und sich mehr für den Frieden auf dem Balkan interessieren, als sich ihrer Forschung zu widmen.

Auszugsweise:

„Der Brief an den Präsidenten selbst, mit dem Datum von heute, ist dann zum Glück mit etwas mehr Bedacht formuliert. Aber auch er versucht gleich zu Beginn, Obama auf das Ausmisten des vom Amtsvorgänger hinterlassenen Stalles festzulegen („to clean up some of the historical debris left in southeast Europe by the previous U.S. administration“), ohne zu merken, daß es etwas anderes ist, solches als Quasi-Lobbyist einzumahnen, als wenn der Präsident aus eigener Initiative dieses oder jenes seiner Wahlversprechen einlöst. Die „gefährliche Epidemie des historischen Revisionismus“ durch Skopje äußere sich in der widerrechtlichen Aneignung (misappropriation) Alexanders d.Gr. Die schlampige Wortwahl dürfte den Juristen Obama beleidigen. Merriam Webster’s Collegiate Dictionary gibt für to appropriate u.a. folgende Bedeutungen an: „to take exclusive possession of“, „to take or make use of without authority or right“; to misappropriate wird mit „to appropriate wrongly (as by theft)“ definiert. Aber selbst wenn Mazedonien sich Philipp und Alexander als nationale Heroen „aneignet“, handelt es sich um eine rein gedankliche Zuschreibung, die niemandem etwas wegnimmt, solange er kein Copyright auf das Objekt hat. Von Diebstahl – so aber im weiteren Verlauf des Briefes auch explizit (theft) – kann also ernsthaft keine Rede sein. Und ‘nationale‘ geschichtspolitische Traditionsstiftungen, etwa die enge Verknüpfung von Arminius und der deutschen Freiheit in unseren Tagen, mögen begründet oder unplausibel oder dumm erscheinen – eine Instanz, die ihnen Autorität oder gar Rechtmäßigkeit verleiht, kann es nicht geben. Wollten Historiker eine solche sein, würden sie von Wissenschaftlern zu Ideologen.

alexander-der-grosse

Anschließend erhält der Präsident ein kurzes Privatissimum zur Geographie und Geschichte der Region, in Fußnoten versehen mit Quellennachweisen und weiteren Erläuterungen (vgl. auch hier). Was sich heute Mazedonien nenne, sei in der Antike Land der Paionen gewesen, von Makedonien durch natürliche Barrieren getrennt und seit 358 v.Chr. Teil des makedonischen Herrschaftsgebietes. Doch niemand käme auf die Idee, so die plumpe Analogie, das von Alexander d.Gr. eroberte und danach von makedonischen Königen regierte Ägypten deshalb Makedonien zu nennen. Dagegen seien Alexander, sein Vater und dessen Vorfahren (!) „durch und durch und unbestreitbar“ Griechen/griechisch gewesen. Der Präsident wird dann mit einer Auflistung von Indizien für die Behauptung belästigt, erfährt aber nicht, daß die makedonischen Könige sich zwar aktiv an die griechische Leitkultur anschlossen, die Zugehörigkeit der Makedonen zu den Hellenen aber in der Antike notorisch umstritten war. Die Athener, die Bewohner des durch Alexander zerstörten Theben und die von seinem Verbanntendekret betroffenen griechischen Städte jedenfalls hätten sich schön bedankt, den Makedonenkönig als Griechen zu betrachten – einen König, der später vornehme Perser in die Elite seines Reiches aufnahm, die griechischen Truppen in seinem Heer aber nach Hause schickte.“

„Miller müßte wissen, daß die heutigen Bewohner Mazedoniens mit den antiken Makedonen nicht mehr und nicht weniger zusammenhängen oder gar ‘identisch‘ sind als die Bürger des modernen Staates Griechenland nach zahlreichen Migrationen und kulturellen Umprägungen über mehr als ein Jahrtausend hin mit den antiken Hellenen. Der Rückgriff auf die alten Hellenen wurde nach der Staatsgründung 1832 unternommen, um einer nach über vierhundert Jahren osmanischer Fremdherrschaft desorientierten und von Faktionen zerrissenen Bewohnerschaft eine einigende Identität zu geben und einen Anknüpfungspunkt für eine neue nationale Kultur. Daß Hellas Heimat von Platon und Phidias war, nutzte den Griechen in einem von Winckelmann, Goethe und Byron für die Antike begeisterten Europa, und ihr Anspruch, die erste Demokratie der Weltgeschichte beherbergt zu haben, kommt ihnen in der EU durchaus zugute. Aber der Charakter solcher Selbstverortungen und Vereinnahmungen sollte doch im Kern unstrittig sein. Zu den Unterzeichnern gehören einige Gelehrte, die sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit intensiv mit der Konstruktion von Ethnizität und der „invention of tradition“ befaßt haben. Wie sie in einem Atemzug sowohl einer gleich doppelten Identitätsbehauptung (antike Makedonen waren Griechen → Alexander d.Gr. gehört dem heutigen Griechenland) als auch einer Differenzbehauptung (moderne Mazedonier sind Slaven, haben also mit den antiken Mekedonen nichts zu tun) zustimmen konnten, bliebt unerfindlich.
Doch der Brief beläßt es nicht bei der ethnisch-‘historischen‘ Argumentation, in der vermutlich zutreffenden Vermutung, dies könnte den US-Präsidenten nicht besonders interessieren. Vielmehr bestehe eine reale politische Gefahr, da bereits im späten Neunzehnten Jahrhundert der Mißbrauch des Makedonennamens ungesunde Gebietsansprüche impliziert habe. Auch jetzt gebe es wieder Schulwandkarten, Kalender und Banknoten, die ein Großmazedonien von Skopje bis zum Olymp vorstellten. Altertumswissenschaftler in vorderster Front für den Frieden auf dem Balkan? Auch diese schöne Illusion wird etwas getrübt, nämlich durch den Hinweis, die antiken Paionen (= heutigen Mazedonier) seien in der Antike von Philipp II. unterworfen worden und hätten so einen Teil des Makedonischen Reiches gebildet. Legitime Erben Philipps und Alexanders aber sind, wie zuvor bewiesen, usw. usf. Honi soit qui mal y pense.“

Der gesamte Artikel ist unter folgendem Link erreichbar:

Frankfurter Allgemeine Zeitung