Am 25. April 2018 von 18:30 bis 20:45 Uhr findet an der Volkshochschule Wilhelmshaven ein Vortrag über die makedonische Frage und den Kulturkampf um Makedonien statt. Im Rahmen des Vortrages sollen alle zugehörigen Aspekte beleuchtet und zur Diskussion angeregt werden. Der Vortrag richtet sich an alle Interessierten.

Die makedonische Frage und der damit verbundene Kulturkampf um Makedonien sind bis heute ein wahrnehmbares Phänomen in der betroffenen Region, deren Namensgeber die heute nicht mehr existierenden antiken Makedonier waren. Allerdings haben die gegenwärtige Region Makedonien und ihre Einwohner weder ethnisch noch geografisch viel mit dem antiken Makedonien gemeinsam. Die Definition des heutigen Makedoniens hat sehr viel mehr mit der sogenannten makedonischen Frage zu tun. Sie betraf das Schicksal der christlichen, nicht-türkischen Bevölkerung im Osmanischen Reich auf dem Balkan außerhalb der sich im 19. Jahrhundert bildenden Staaten Bulgarien, Griechenland und Serbien. Die drei letztgenannten Staaten führen seitdem einen Kampf um die kulturelle Deutungshoheit über Makedonien. Anstelle der serbischen Partei trat besonders ab dem Jahr 1943 eine selbstständige makedonische Partei, deren Eigenständigkeit und Identität bis heute in der betroffenen Region umstritten sind. Auf dem Themenkomplex „Makedonien“ geht der Vortrag von mir ein, wobei ich selbst persönliche Beziehungen zu Makedonien pflege.

Nachfolgend möchte ich die grundlegenden Aspekte der makedonischen Frage erläutern. Eine ausführliche Darstellung findet sich in meiner Abhandlung „Die makedonische Frage“.

Die Quelle – das antike Makedonien

Namensgeber für die Region Makedonien sind die antiken Makedonier. Nach vorherrschender Auffassung in der Wissenschaft waren die antiken Makedonier ein antiker griechischer Volksstamm, der auch mit Illyrern und Thrakern vermischt war. Im Verhältnis zu den anderen antiken griechischen Stämmen waren die antiken Makedonier recht eigenständig. Andere Auffassungen sprechen daher auch von einer Verwandtschaft zwischen antiken Makedoniern und den (anderen) antiken griechischen Stämmen. Es gibt auch die Auffassung, wonach die antiken Makedonier ein eigenständiger Volksstamm waren und erst später hellenisiert wurden. Die antike makedonische Sprache war entweder ein antiker griechischer Dialekt oder eine eigenständige Sprache, die mit der antiken griechischen Sprache verwandt war. Heute gibt es die antiken Makedonier jedoch nicht mehr. Sie sind zusammen mit den anderen antiken griechischen Stämmen und wohl auch anderen Völkern im Griechentum der alexandrinischen, römischen und byzantinischen Zeit aufgegangen. Das antike Makedonien unterschied sich als Königreich auch von seiner staatlichen Struktur her von den antiken griechischen Stadtstaaten. Unter dem makedonischen König Phillip II. kamen die antiken griechischen Stadtstaaten unter die Herrschaft Makedoniens. Dies diente dann dem makedonischen König Alexander dem Großen, dem Sohn von Phillip II., als Basis für seine Feldzüge. Mit seinem Weltreich wurde auch der Hellenismus weit verbreitet. Zweifellos war das antike Makedonien von der griechischen Kultur geprägt.

Das antike und das heutige Makedonien

Aus persönlicher Sicht habe ich der Wissenschaft bezüglich Makedoniens keinen hiervon abweichenden Standpunkt entgegenzusetzen. Um die heutige Republik Makedonien zu rechtfertigen, bedarf es keiner „Enthellenisierung“ des antiken Makedoniens. Dieser Fehler wird durchaus gemacht, allerdings ist dies nicht zielführend. Das heutige Makedonien unterscheidet sich sowohl territorial als auch von seiner Bevölkerung her vom antiken Makedonien. Auch kann gesagt werden, dass die Art des antiken Makedoniens und der antiken Makedonier nicht die Art des heutigen Makedonien und der heutigen makedonischen Bevölkerung präjudiziert. Das gilt sowohl für die Argumentation aus Sicht Griechenlands als auch aus Sicht der Republik Makedonien. Die gegenwärtigen Makedonier dürften keine direkte Berührung mehr mit den antiken Makedoniern gehabt haben. Im Falle der gegenwärtigen Makedonier müssen wir vor allem zwei Fälle unterscheiden: Die ethnischen bzw. slawischen Makedonier und die griechischen Makedonier. Die ethnischen bzw. slawischen Makedonier bilden eine eigenständige Kulturnation und sprechen die makedonische Sprache. Die heutige makedonische Sprache ist eine südslawische Sprache und hat nichts mit der antiken makedonischen Sprache zu tun. Die ethnischen bzw. slawischen Makedonier leben hauptsächlich in der Republik Makedonien und als Minderheit auch in deren Nachbarstaaten. Bei den griechischen Makedoniern handelt es sich um ethnische Griechen, die in der griechischen Region Makedonien leben oder aus ihr abstammen. Sie haben eine besonders ausgeprägte makedonische Regionalidentität entwickelt und sprechen die griechische Sprache. Auch die griechischen Makedonier stellen keine Abbildung der antiken Makedonier in die heutige Zeit dar.

Das heutige Makedonien

Die Geschichte des antiken Makedoniens endete in etwa mit dessen Eingliederung als Provinz „Macedonia“ in das Römische Reich im Jahre 148 v. Chr. Damit wurde der Name „Makedonien“ als administrative Bezeichnung weiterverwendet, während die antiken Makedonier als ursprüngliche Namensgeber recht bald assimiliert wurden und ihre Sprache ausstarb. Allerdings unterschieden sich die im Laufe der Geschichte als Makedonien bezeichneten Gebiete territorial vom antiken Makedonien. So kamen bisher nicht zu Makedonien gehörende Gebiete dazu und umgekehrt. So gehörten große Teile der heutigen Republik Makedonien nicht zum antiken Makedonien, während das Territorium der griechischen Region Makedonien weitgehend auf dem ursprünglichen Gebiet des antiken Makedoniens liegt. Dies wird von griechischer Seite oft als Argument gegen die Bezeichnung der Republik Makedonien verwendet. Allerdings werden in diesem Fall einfach antike Maßstäbe undifferenziert auf die heutige Zeit angewendet. Die dazwischen liegende Entwicklung und Geschichte wird ausgeblendet. Doch genau hier liegt der Fehler in der griechischen Argumentation.

Die Definition des heutigen Makedoniens hat sehr viel mehr mit der sogenannten makedonischen Frage zu tun. Sie betraf das Schicksal der christlichen, nicht-türkischen Bevölkerung im Osmanischen Reich auf dem Balkan außerhalb der sich im 19. Jahrhundert bildenden Staaten Bulgarien, Griechenland, Montenegro und Serbien. Für dieses Gebiet wurde die Bezeichnung Makedonien verwendet, wohl weil es die größte Deckung mit dem Territorium des antiken Makedonien hatte. Einen darüber hinausgehenden kulturellen Bezug der makedonischen Frage und ihres geografischen Rahmens zum nicht mehr existierenden antiken Makedonien gab es hierbei nicht.

Das liefert uns die bis heute gültige Definition für die geografische Region Makedonien: Als Makedonien wird in der politisch-geografischen Terminologie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jene Region bezeichnet, die zu den ersten Gebieten auf europäischem Boden gehörte, die vom Osmanischen Reich erobert worden ist, und die bis 1912 am längsten von allen Teilen des Balkan unter Herrschaft des Osmanischen Reiches blieb. Nach zwei Balkankriegen (1912/13) wurde das so definierte Territorium von Makedonien (67.313 km²) zwischen den Staaten Bulgarien (Pirin-Makedonien, 6800 km²), Griechenland (Ägäisch-Makedonien, 34.800 km²) und Serbien (Vardar-Makedonien, 25.713 km²) aufgeteilt. Auf dem serbischen bzw. jugoslawischen Teil von Makedonien wurde am 02. August 1944 der makedonische Staat gegründet, welcher sich zunächst im Rahmen einer jugoslawischen Föderation befand und sich am 18. September 1991 für Unabhängig erklärte. Heute ist der makedonische Staat ein anerkanntes Völkerrechtssubjekt. Von dieser Definition aus dem 19. Jahrhundert müssen wir ausgehen, wenn wir heute von Makedonien sprechen.

Die makedonische Frage und der Kulturkampf um Makedonien

Wie bereits erwähnt, betraf die makedonische Frage das Schicksal der christlichen, nicht-türkischen Bevölkerung in der Region Makedonien, wie sie seit dem 19. Jahrhundert bis heute definiert wird. In der zweiten Hälfte des 15 Jahrhunderts wurde diese Region Teil des Osmanischen Reiches und blieb es bis zum Jahre 1912. Bulgarien, Griechenland und Serbien führen seitdem einen Kampf um die kulturelle Deutungshoheit über Makedonien. Bereits im 19. Jahrhundert begangen die modernen Nationalbewegungen der Bulgaren, Griechen und Serben. Damit verbunden waren auch mehr oder weniger erfolgreiche Unabhängigkeitsbewegungen und entsprechende Staatsgründungen. Nur in der Region Makedonien kam es zu dieser Zeit nicht zu einer entsprechenden eigenständigen und erfolgreichen nationalen Bewegung. Makedonien blieb Teil des Osmanischen Reiches und damit entstand für die dortige christliche, nicht-türkische Bevölkerung eine besondere Schicksalslage. Für deren Schicksal interessierten sich sowohl die europäischen Großmächte als auch die jungen Nachbarstaaten Bulgarien, Griechenland und Serbien. Jedoch gab es unterschiedliche und konkurrierende Interessen. Dies war mit ein Grund dafür, dass die Region Makedonien bis zum Jahre 1912 Teil des Osmanischen Reiches blieb. Jede territoriale Veränderung hätte auch eine Veränderung der Einflusssphären bedeutet und dies sollte verhindert werden. Dennoch blieb damit die Frage nach dem Schicksal der makedonischen Bevölkerung offen und diese ist als makedonische Frage in die Geschichte eingegangen.

Diese makedonische Frage löste bereits zum Ende des 18. Jahrhunderts einen Kulturkampf um „Makedonien“ zwischen Bulgarien, Griechenland und Serbien aus. Jede Partei wollte die makedonische Bevölkerung für sich gewinnen. Damit verbunden waren auch territoriale Ansprüche auf deren Siedlungsgebiete. Nach Auffassung der Bulgaren ist die makedonische Bevölkerung bis heute Teil der bulgarischen Kulturnation. Für die Griechen war die makedonische Bevölkerung ursprünglich griechischer Herkunft, die nur durch einen Irrtum die slawische Kultur und Sprache annahm. Für die Serben waren die makedonische Bevölkerung „Südserben“. Zunächst wurden von den jeweiligen Parteien Lehrer und Priester nach Makedonien geschickt. Doch später kam es auch zu bewaffneten Konflikten bzw. gewaltsamen Einflussbestrebungen und sogar zu Kriegen um Makedonien.

Die Anerkennung der ethnischen bzw. slawischen Makedonier als eigenständige Nation im Jahr 1943 und die damit verbundene Schaffung eines makedonischen Staatswesens im Jahre 1944 brachten einen neuen Faktor in den Kulturkampf um Makedonien hinein. Jetzt fand dieser Kampf hauptsächlich zwischen Bulgarien, Griechenland und dem makedonischen Staat statt, welcher sich bis 1991 in einer kommunistisch-jugoslawischen Föderation befand und seitdem unabhängig ist. Die Serben halten sich heute aus diesem Kulturstreit weitgehend heraus. Für Bulgarien sind die ethnischen bzw. slawischen Makedonier weiterhin keine eigenständige Kulturnation, sondern Teil der bulgarischen Kulturnation. Allerdings akzeptiert Bulgarien die Eigenständigkeit der makedonischen Nation. Griechenland hat zwar in erster Linie nichts gegen die Eigenständigkeit einer makedonischen Kulturnation und ihres Staatswesens, wohl aber gegen die Bezeichnung dieser Nation als „Makedonisch“ und ihres Staatswesens als „Republik Makedonien“. Allerdings ist auch aus Sicht Griechenlands die makedonische Nation künstlich aus politischen Gründen erschaffen worden. So ist dieser Kulturstreit bis heute nicht beendet, wobei der Streit um den Namen Makedonien eines der wahrnehmbarsten Symptome von diesem ist.

Die moderne makedonische Kulturentwicklung

Die Existenz einer eigenständigen makedonischen Kulturnation ist unter den Nachbarstaaten, besonders in Bulgarien und Griechenland, umstritten. Die makedonische Kulturnation passt nicht ins Konzept der nationalen Politik dieser Staaten. Im Falle Griechenlands kommt allerdings noch das als traumatisch empfundene Ereignis des Bürgerkrieges hinzu. Bereits während der bulgarisch-deutsch-italienischen Besatzungszeit in Griechenland im Zweiten Weltkrieg kam es zu Auseinandersetzungen zwischen sogenannten griechischen Linken und Rechten. Nach dem Zweiten Weltkrieg mündeten diese von 1946 bis 1949 in einen Bürgerkrieg. Die Konfliktparteien waren die linke Volksfront und ihre „Demokratische Armee Griechenlands“ („DSE“) auf der einen und die konservative Regierung der griechischen Monarchie auf der anderen Seite. Logistische Unterstützung bekam die DSE von der „Sozialistischen Volksrepublik Albanien“, der „Volksrepublik Bulgarien“ und der „Föderativen Volksrepublik Jugoslawien“. Die konservative griechische Regierung wurde zunächst vom Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland, anschließend von den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) im Rahmen ihrer Truman-Doktrin unterstützt. Mit dieser Doktrin standen die USA nach ihrem Selbstverständnis freien Völkern bei, die sich einer angestrebten Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck widersetzten. Im Ergebnis sollte mit Hilfe dieser außenpolitischen Doktrin der Kommunismus in der Welt eingedämmt werden. Der griechische Bürgerkrieg war die Fortsetzung eines Konfliktes zwischen der griechischen Volksfront (sogenannten „Linken“) und den griechischen Konservativen und Monarchisten (sogenannten „Rechten“), welcher bereits seit 1943 schwelte. Dieser Konflikt überlagerte auch den griechischen Widerstand gegen die Besetzung Griechenlands (1941 – 1944) durch die deutsche Wehrmacht und ihre bulgarischen und italienischen Verbündeten.

Ein Aspekt in diesem Bürgerkrieg, der seinen Schwerpunkt in der griechischen Region Makedonien hatte, war auch die sogenannte Makedonische Frage. Gerade dieser Aspekt sollte dann im späteren und bisher ungelösten Namensstreit zwischen Griechenland und der Republik Makedonien eine Rolle spielen. Die jugoslawischen und die jugoslawisch-makedonischen Kommunisten wünschten sich eine Klärung der makedonischen Frage in ihrem Sinne. So sahen die extremeren Vorschläge die Abspaltung der griechischen Region Makedonien und deren Vereinigung mit den anderen Teilen Makedoniens in einer Volksrepublik Makedonien vor. Die moderateren Vorschläge sahen eine territoriale Autonomie der griechischen Region innerhalb Griechenlands oder zumindest eine kulturelle Autonomie für die ethnischen bzw. slawischen Makedonier vor. Schon dies dürfte den meisten Griechen zu weit gegangen sein und selbst unter den Kommunisten waren diese Pläne umstritten. Die ethnischen bzw. slawischen Makedonier, welche als Minderheit in Griechenland lebten, unterstützten überwiegend die griechischen Kommunisten.

Den griechischen Bürgerkrieg verloren die griechischen Kommunisten endgültig im Jahre 1949. Die siegreichen konservativen Rechten verklärten den Bürgerkrieg allerdings zu einem Abwehrkampf gegen die kommunistisch-slawischen Einfälle aus dem Norden. Damit bekam der Bürgerkrieg eine internationale Dimension. Die jugoslawischen Kommunisten versuchten zwar Einfluss auf die Entwicklung in Griechenland zu nehmen, doch war es dennoch in erster Linie ein innerer Konflikt in Griechenland. Durch die Verklärung der Geschichte wollten die Sieger des Bürgerkrieges den griechischen Nationalismus und Patriotismus im Norden stärken. Dort hatten die griechischen Kommunisten ja ihre Hochburg und dem sollte entgegengewirkt werden. Zusätzlich wurde durch verschiedene Maßnahmen die makedonische Regionalidentität in der griechischen Region gefördert und gestärkt. So wurden die griechischen Makedonier im Rahmen der Bildungs- und Informationspolitik sowie von weiteren kulturellen Maßnahmen in einen direkten Zusammenhang mit den antiken Makedoniern und deren Geschichte gebracht. Die griechischen Makedonier von heute seien direkte Nachfahren der antiken Makedonier und Erben der stolzen antiken makedonischen Geschichte. Untermauert wurde dies durch eine entsprechende und intensive Kulturpolitik, in deren Rahmen Museen gegründet und Veranstaltungen durchgeführt wurden sowie durch Ausgrabungen, welche die Verbundenheit des antiken Makedonien mit der heutigen griechischen Region Makedonien untermauern sollten.

Die antiken Makedonier gelten zwar nach mehrheitlicher Auffassung als antiker griechischer Volksstamm, dennoch sind die heutigen griechischen Makedonier ebenso wie die ethnischen bzw. slawischen Makedonier keine direkten Nachfahren der antiken Makedonier. Die antiken Makedonier sind bereits in der alexandrinischen, römischen und byzantinischen Zeit vollständig assimiliert worden und zusammen mit auch anderen Völkern weitgehend im Griechentum dieser Zeit aufgegangen. Zwischenzeitlich hat es Völkerwanderungen in der Region gegeben, welche die ursprüngliche Bevölkerungszusammensetzung stark verändert hatte. So wanderten im 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. die Slawen in Makedonien ein. Zu dieser Zeit dürfte die Assimilierung der antiken Makedonier bereits vollständig abgeschlossen gewesen sein, so dass es kein direktes Aufeinandertreffen mehr gegeben haben konnte. Selbst noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu gewaltigen Änderungen der ethnischen Zusammensetzung in der Region Makedonien, von der auch der griechische Teil Makedoniens betroffen war.

Im Jahre 1912 lebten nach einer Veröffentlichung des Komitees des Völkerbundes für die Ansiedlung von griechischen Flüchtlingen aus dem Jahre 1926 im griechischen Teil von Makedonien 513.000 Griechen (42,6 %), 475.000 Muslime (39,4 %), 119.000 Bulgaren (9,9 %) und 98.000 Angehörige anderer ethnischer Gruppen (8,1 %). Zwischen Bulgaren und ethnischen bzw. slawischen Makedoniern wurde in dieser Veröffentlichung nicht differenziert, doch dürfte es sich bei einem Teil der Bulgaren auch um ethnische bzw. slawische Makedonier gehandelt haben. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in Nordgriechenland zu gewaltigen Bevölkerungsverschiebungen. Diese veränderten nachhaltig auch die ethnische Zusammensetzung der Einwohner der griechischen Region Makedonien. Etwa 65.000 Griechen verließen bereits während des Ersten Weltkrieges Bulgarien und wurden in der griechischen Region Makedonien angesiedelt. Umgekehrt verließen rund 20.000 slawische Einwohner (Bulgaren oder ethnische bzw. slawische Makedonier) Nordgriechenland in Richtung Bulgarien. Je nach Sichtweise wird von einer Abwanderung oder einer Vertreibung gesprochen, tatsächlich trifft beides zu. Ein weiterer Bevölkerungsaustausch zwischen Bulgarien und Griechenland erfolgte aufgrund des Friedensvertrages von Neuilly. Bis zum Jahre 1926 wanderten nach griechischen Quellen 53.000 slawisch sprechende Personen mit bulgarischem Nationalbewusstsein nach Bulgarien aus. In Bulgarien wird allerdings von einer Vertreibung gesprochen. Im gleichen Zeitraum seien nach diesen griechischen Quellen etwa 50.000 Griechen aus Bulgarien nach Nordgriechenland zugewandert.

Besonders nachhaltig sollte sich jedoch die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in der griechischen Region Makedonien aufgrund des griechisch-türkischen Abkommens von Lausanne ändern. Dieses Abkommen wurde am 24. Juli 1923 unterzeichnet und beendete formell den verlorenen Krieg Griechenlands gegen die Türkei unter Kemal Atatürk in den Jahren 1921/22. Nach diesem Abkommen mussten 1,5 Millionen Griechen die Türkei verlassen, von denen 638.000 Griechen in der griechischen Region Makedonien angesiedelt wurden. Umgekehrt mussten 348.000 Türken die griechische Region Makedonien verlassen. Laut einer Volkszählung aus dem Jahre 1928 lebten in der griechischen Region Makedonien nun 1.227.000 Griechen (88,1%), 82.000 „Slawophone“ (5,8 %) und 93.000 (6,7 %) Einwohner anderen Ursprungs. Unter der Bezeichnung Slawophone werden in Griechenland bis heute alle Einwohner zusammengefasst, die eine slawische Sprache oder einen slawischen Dialekt sprechen. Darunter fallen vor allem Bulgaren und ethnischen bzw. slawische Makedonier.

Die oben ausführlich geschilderte Änderung der Bevölkerungszusammensetzung in der griechischen Region Makedonien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war natürlich nicht die erste in der mehr als 2000-jährigen Geschichte der Region Makedonien von der Antike bis heute. Für die heutige griechische Region Makedonien waren vor allem der griechische Bürgerkrieg und die daraus resultierende Kulturpolitik der konservativen Rechten in Griechenland prägend. Eine objektive Auseinandersetzung mit der makedonischen Frage, frei von nationalen Erwägungen, fand nicht statt. Bereits aufgrund des Kalten Krieges war der Kulturstreit um Makedonien stark in den Hintergrund geraten. Der Zypernkonflikt zwischen Griechenland und der Türkei im Jahre 1974, der auch heute noch nicht überwunden wurde, verdrängte schließlich den Kulturstreit um Makedonien zugunsten des griechisch-türkischen Konfliktes. Die Türkei wurde als der gefährlichere Gegner wahrgenommen, so dass Griechenland ein Interesse an einem guten Verhältnis zu Jugoslawien hatte. Dafür musste natürlich der Kulturstreit um Makedonien in den Hintergrund treten.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens im Jahr 1991 war diese Zurückhaltung zu Ende. Als sich dann eines ihrer Gliedstaaten, die Republik Makedonien, für Unabhängig erklärte, brach der Kulturstreit wieder offen aus. Es waren weitgehend dieselben Akteure, welche bereits nach dem griechischen Bürgerkrieg agierten, die im Jahre 1991 die Meinungsführerschaft im Kulturstreit um Makedonien übernahmen. Die nicht mehr aktuellen Bedrohungsszenarien aus der Zeit des griechischen Bürgerkrieges wurden ebenfalls dafür reaktiviert. Eine objektive Auseinandersetzung mit der makedonischen Frage, selbst in der griechischen Wissenschaft, fand weitgehend nicht statt. So trafen die alten Meinungsführer auf ein Vakuum, welches sie in ihrem Sinne ausfüllen konnten. Sie stilisierten die Republik Makedonien und ihre Nation zu einem neuen Feindbild und erreichten damit die griechischen Massen. Das so geprägte Bild besteht bis heute fort und erschwert damit eine Lösungsfindung im Streit um den Namen „Makedonien“. Griechenland hat bis heute die offizielle Position, dass der Nachbarstaat im Norden nicht einfach nur „Makedonien“ heißen dürfe. Eine makedonische Kulturnation gebe es nicht und auch keine ethnisch-makedonische Minderheit in Griechenland. Mittlerweile würde Griechenland zumindest den Namen Makedonien in zusammengesetzter Form mit einer geografischen Spezifizierung akzeptieren. Strittig blieben aber weiterhin auch die Bezeichnung der makedonischen Nation, Sprache und Staatsbürgerschaft.

Die makedonische Kulturnation ist heute voll entwickelt und fest etabliert. Die Anerkennung der ethnischen bzw. slawischen Makedonier erfolgte im Rahmen des kommunistisch-jugoslawischen Volksbefreiungskampfes am 29. November 1943 auf der zweiten Sitzung des „Antifaschistischen Rates der Nationalen Befreiung Jugoslawiens“ („AVNOJ“) in Jajce. Die makedonische Bevölkerung sollte durch ein eigenständiges Nationalbewusstsein den Einflüssen aus Bulgarien und Serbien entzogen werden. Später hat gerade dieses eigenständige Nationalbewusstsein zu mehr Stabilität in dieser Region geführt, da ein nicht mehr existierendes ethnologisches Vakuum keine gegenseitigen Ansprüche der Nachbarstaaten mehr auslösen konnte. Im Rahmen des am 02. August 1944 formell gegründeten makedonischen Staates entwickelten sich die ethnischen bzw. slawischen Makedonier dann endgültig zu einer eigenständigen Nation.

Umstritten ist, wie weit die Wurzeln dieser Nation zurückreichen. Für Bulgarien und Griechenland wurde die makedonische Nation künstlich zu politischen Zwecken geschaffen. Tatsächlich dürfte die Anerkennung der ethnischen bzw. slawischen Makedonier als Nation im Jahre 1943 auch aus den oben genannten zweckmäßigen politischen Erwägungen heraus erfolgt sein. Allerdings wurde hierbei auf eine noch offene Entwicklung zurückgegriffen. Bereits im 19. Jahrhundert ergab sich für die makedonische Bevölkerung eine besondere Schicksalslage, als sie beim Osmanischen Reich verblieb, während Bulgarien, Griechenland, Montenegro und Serbien nach und nach die Unabhängigkeit erlangten. Hier dürfte zumindest ein erster Keim für die spätere makedonische Kulturnation zu finden sein. Der Kulturkampf der Staaten Bulgarien, Griechenland und Serbien um Makedonien, erst während der Osmanischen Herrschaft, später nach der Aufteilung Makedoniens unter diesen drei Staaten, beeinflusste auch die kulturelle Entwicklung in Makedonien. Zunehmend kam neben dem Aufgehen der makedonischen Bevölkerung in eine der etablierten Nationen auch das Konzept einer eigenständigen makedonischen Nation und eines unabhängigen makedonischen Staates auf. Während in Bulgarien und Griechenland die Politik der Assimilierung weitgehend erfolgreich verlief, scheiterte sie im serbischen Teil von Makedonien. Auch die Bulgaren konnten letztendlich aufgrund ihrer Besatzungspolitik im serbischen bzw. jugoslawischen Teil von Makedonien im Ersten (1914 – 1918) und Zweiten Weltkrieg (1941 – 1944) die dortige makedonische Bevölkerung nicht für sich gewinnen. Die makedonische Bevölkerung sah sich zunehmend weder als bulgarisch noch als serbisch an. Diese Entwicklung und das Konzept einer eigenständigen makedonischen Kulturnation griffen die jugoslawischen Kommunisten dann für die Etablierung ihres Volksbefreiungskampfes in der jugoslawischen Region Makedonien auf. Nicht nur der dortige Volksbefreiungskampf war erfolgreich, auch der makedonische Nationenbildungsprozess. Ohne die geschilderte vorherige Entwicklung, welche im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm, wäre der Nationenbildungsprozess wohl nicht so erfolgreich verlaufen. Doch kann aus heutiger Sicht gesagt werden, dass das Konzept einer eigenständigen makedonischen Kulturnation die größte Akzeptanz unter der makedonischen Bevölkerung im jugoslawischen Teil von Makedonien hatte und andere Optionen, etwa das Aufgehen in einer der Nachbarnationen, weniger Anklang fanden. Heute ist die Entwicklung zur makedonischen Kulturnation erfolgreich abgeschlossen und dürfte unumkehrbar sein.