2017, 2018 und 2019 – Die entscheidenden makedonischen Jahre

Die Jahre 2017, 2018 und 2019 markieren den Beginn vom Ende des Kulturstreits um „Makedonien“ zwischen Bulgarien, Griechenland und Nord-Makedonien. Zwei Verträge bilden die Grundlage hierfür:

Mit dem „Vertrag zur Freundschaft, Guten Nachbarschaft und Zusammenarbeit“ zwischen Bulgarien und der Republik (Nord-)Makedonien vom 01. August 2017 und dem „Prespa-Abkommen“ zur Lösung des Streits um den Namen „Makedonien“ zwischen Griechenland und der Republik (Nord-)Makedonien vom 17. Juni 2018 wurde der Kulturstreit um „Makedonien“ durch völkerrechtliche Verträge formell beendet. Durch die Implementierung der Verträge wurde dieser „Friedensschluss“ im Jahre 2019 wirksam. Der Kulturkampf ist damit natürlich noch nicht aus den Köpfen der beteiligten Akteure verschwunden. Der Weg zu einer tatsächlichen Überwindung dieses Kampfes durch die vertraglich vereinbarten Maßnahmen dürfte noch nicht zu Ende gegangen sein. Dennoch markieren die Verträge und deren Umsetzung den Beginn des Endes eines jahrhundertelangen Kulturkampfes um Makedonien.

Die makedonische Antwort auf die makedonische Frage

Die makedonische Frage betraf das Schicksal der christlichen und nicht-osmanischen makedonischen Bevölkerung ab etwa dem 19. Jahrhundert im Osmanischen Reich. Zu dieser Zeit hatten sich bereits die Nationalstaaten und die heutigen Nationen der Bulgaren, Griechen und Serben herausgebildet oder waren dabei sich herauszubilden. Zwischen ihnen fand ein Kulturkampf über den Einfluss auf die makedonische Bevölkerung statt. Jede Kampfpartei wollte möglichst viele Angehörige für ihre jeweilige Kulturnation gewinnen. Damit verbunden war auch die Etablierung von territorialen Ansprüchen. Zwei Balkankriege führten 1912/13 zunächst zum Ende der osmanischen Herrschaft über Makedonien und zur Aufteilung des Landes zwischen Bulgarien, Griechenland und Serbien – mit erheblichem Konfliktpotenzial. Der Kulturkampf ging zunächst weiter. Erst während des Zweiten Weltkrieges kam ein neuer Faktor in die Auseinandersetzung hinzu: Die Anerkennung und Etablierung der ethnischen bzw. slawischen Makedonier als eigenständige Kulturnation und damit als makedonische Antwort auf die makedonische Frage. Diese Antwort erwies sich als nachhaltig und brachte der Region Stabilität. Durch den Kalten Krieg zwischen Ost und West (1947 bis 1991) wurde der Kulturkampf um Makedonien zunächst eingefroren, um im Jahre 1991 wieder auszubrechen. In den Jahren 2017 bis 2019 gelang es den Akteuren eine vertragliche Lösung herbeizuführen.

Die makedonische Antwort auf die makedonische Frage wird für den ehemals jugoslawischen Teil von Makedonien bzw. für die Republik Nord-Makedonien durch Bulgarien und Griechenland prinzipiell mit Bedingungen anerkannt. Demnach gibt es in der Republik Nord-Makedonien eine makedonische Nation und Sprache. Dies bezieht sich im Ergebnis sowohl auf eine makedonische Staatsnation und Amtssprache als auch auf eine makedonische Kulturnation und -sprache.  Auch die territoriale Integrität der Republik Nord-Makedonien wird von Bulgarien und Griechenland anerkannt.

Die Republik Nord-Makedonien erkennt die kulturellen Entwicklungen in Bulgarien und Griechenland an. Hier bleibt allerdings derzeit noch als strittiger Punkt der Status der ethnischen bzw. slawischen Makedonier als Minderheit in Bulgarien und Griechenland offen. Allerdings kann dieser Punkt nach erfolgreicher Beendigung des Kulturstreits unter deutlich besseren Rahmenbedingungen in der Zukunft debattiert und zu einer Lösung gebracht werden. Auch der Staatsname „Nord-Makedonien“ ist umstritten. Die ethnischen bzw. slawischen Makedonier würden lieber zur ursprünglichen Bezeichnung „Republik Makedonien“ zurückkehren. Auch in Bulgarien gibt es Kreise, welche die geografische Spezifizierung „Nord“ ablehnen. Denn ein Teil von Nord-Makedonien im geografischen Sinne gehört ja zu Bulgarien. Die von Griechenland geforderte neue Staatsbezeichnung mit geografischer Spezifizierung, Republik Nord-Makedonien, führt eher zu mehr als zu weniger Missverständnissen in der makedonischen Frage. Denn es entsteht so noch mehr der Eindruck eines geteilten Ganzen (wie z.B. im Falle von Nord- und Süd-Korea oder Nord- und Süd-Zypern). Hingegen wären die kulturellen Unterschiede zwischen der griechischen Region Makedonien bzw. den griechischen Makedoniern und der Republik Nord-Makedonien bzw. den ethnischen bzw. slawischen Makedoniern aus dem Staatsnamen erst recht nicht mehr ersichtlich. Auch wenn der neue Staatsname ein symbolträchtiges Zugeständnis an Griechenland war, ein wirklicher Gewinn für Griechenland ist er nicht. Allerdings wird der neue Staatsname „Nord-Makedonien“ von allen drei Parteien formell akzeptiert. Eine einvernehmliche Zurückbenennung in „Republik Makedonien“ in der Zukunft dürfte prinzipiell jedoch möglich sein.

Mechanismen zur Beendigung des Kulturstreits um Makedonien

Der Kulturstreit um Makedonien geht jedoch tiefer. Es geht um die Kulturhoheit über Makedonien, welche jeder der drei Parteien anstrebte. Die Auffassungen der drei Parteien zur Kultur und Geschichte Makedoniens sind unterschiedlich und decken sich daher nicht. Dies schürt den Kulturkonflikt bis heute. Zum Teil sind die vielseitigen kulturellen Entwicklungen in Makedonien bezüglich Bulgariens, Griechenlands und der Republik Nord-Makedonien auch miteinander verwoben und lassen sich nicht einer Partei zurechnen. Nur zum Teil lassen sich historische Ereignisse klar voneinander trennen und einer Partei zurechnen. Eine Lösung im Kulturstreit um Makedonien kann daher nur inhaltlich und nicht durch Symbolpolitik gefunden werden.

Die objektiv-wissenschaftliche Interpretation von kulturellen und historischen Sachverhalten ist der einzig sinnvolle und zweckmäßige Weg, den Kulturstreit um Makedonien zu überwinden. Doch ist dies nur der erste Schritt und er kann auch scheitern. In den vereinbarten Expertengremien zur objektiv-wissenschaftlichen Klärung von kulturellen und historischen Sachverhalten müssen zwingend geeignete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sitzen, welche neutral und unabhängig gegenüber politischen Einflüssen aus Bulgarien, Griechenland und der Republik Nord-Makedonien sind. Daher wäre die Hinzuziehung von internationalen Expertinnen und Experten, mit genügend Distanz zu den betroffenen Parteien, dringend zu empfehlen.

Die Parteien am Kulturstreit um Makedonien müssen ihre Verträge achten und die Ergebnisse einer objektiv-wissenschaftlichen Klärung auch anerkennen. Die Arbeit in den Expertengremien sollte daher transparent sein und von den Parteien ausdrücklich unterstützt werden. Letztendlich müssen die Ergebnisse der objektiv-wissenschaftlichen Klärung in der Bildungs-, Kultur- und Informationspolitik der Parteien umgesetzt werden. Vor allem in den Bildungssystemen der Parteien muss diese Klärung gelehrt werden. Wenn dies gelingt, dann wird langfristig der Kulturstreit um Makedonien vollständig überwunden werden können.

Bei jedem dieser Schritte besteht jedoch auch die Gefahr, dass eine oder mehrere Parteien die Intension der Verträge bei geänderten politischen Rahmenbedingungen unterlaufen könnten. Die Mechanismen zur Lösungsfindung sind folgerichtig und gut geeignet, diesen Kulturstreit zu beenden. Sie hängen jedoch von der tatsächlichen Bereitschaft der Beteiligten ab, diese auch vertrags-, sinn- und zweckgemäß umzusetzen. Die erreichte Lösung ist bei allen drei Parteien umstritten. Es mussten schmerzhafte Kompromisse eingegangen werden. Dennoch dürfte es eine Alternative zu diesem Weg nicht geben.

Bulgarien, Griechenland und die Republik Nord-Makedonien haben durch die Verträge von 2017 und 2018 und deren Umsetzung ihren Willen bekräftigt, den Kulturstreit um Makedonien zu beenden. Nun müssen diese drei Parteien den schweren und steinigen Weg auch bis Ende gehen und dürfen nicht von ihm abweichen. Bei einer konsequenten Umsetzung der Verträge kann der Kulturstreit komplett überwunden werden.

Schlussworte

Durch den „Vertrag zur Freundschaft, Guten Nachbarschaft und Zusammenarbeit“ zwischen Bulgarien und der Republik Makedonien vom 01. August 2017 und dem „Prespa-Vertrag“ zwischen Griechenland und der Republik Makedonien vom 17. Juni 2018 wurde eine geeignete Grundlage für die Beendigung des Kulturstreits um Makedonien geschaffen. Bei einer erfolgreichen Umsetzung dieser Verträge würde dieser Kulturkampf auf längerer Sicht der Vergangenheit angehören.

An diesem historischen Ziel müssen die beteiligten Akteure gewissenhaft und intensiv arbeiten. Beide Verträge können als historisch und mutig bezeichnet werden. Sie sind nicht unumstritten und dennoch würde ihre erfolgreiche Umsetzung zu einem historischen Frieden in Makedonien führen: Der jahrhundertelange Kulturkampf um Makedonien würde beendet. Anstelle eines Kampfes stünden dann die gemeinsamen Anstrengungen der ursprünglichen Gegner für eine prosperierende Zukunft aller Einwohner von Makedonien. Diese gemeinsamen Anstrengungen würden unter Achtung der kulturellen Vielseitigkeit Makedoniens und seiner Bevölkerung stattfinden und damit die Kulturlandschaft Makedonien als kulturellen Beitrag für Europa prägen. Am Ende könnte eine europäische Kulturregion „Makedonien“ entstehen, als verbindender Faktor zwischen Bulgarien, Griechenland und der Republik Nord-Makedonien. Diese europäische Kulturregion Makedonien unter dem Dach der Europäischen Union (EU) sollte eines der Resultate aus dem Ende des Kulturkampfes sein. In dieser Kulturregion wären Bulgarien, Griechenland und die Republik Nord-Makedonien nicht mehr Konkurrenten um eine bestimmte kulturelle Ausrichtung Makedoniens, sondern Förderer und Teilhaber der vielseitigen makedonischen Kultur. 

Der Kulturkampf um Makedonien prägte über Jahrhunderte die Region. Nun wurden sinnvolle und zweckmäßige Mechanismen zwischen den Kampfparteien vertraglich vereinbart, welchen diesen überwinden können. Wissenschaft und Bildungspolitik sind sehr geeignete Methoden einem nationalistisch induzierten Kulturkampf die Grundlage zu entziehen. Überhaupt sind Wissenschaft und Bildung geeignete Waffen zur Bekämpfung von Nationalismus und Irredentismus. Nicht sofort, doch auf längerer Sicht wird der Kulturkampf um Makedonien so der Vergangenheit angehören.

Persönliche Anmerkungen

Sowohl meine seit 2008 veröffentlichten Lösungskonzepte zum Kulturstreit um Makedonien und des daraus resultierenden Namensstreits als auch die von Goran Popcanovski und mir gemeinsam im Jahre 2009 erarbeiten und veröffentlichten Lösungskonzepte sehen als zentrale Kernpunkte vor:

  • Die objektiv-wissenschaftliche Klärung von kulturellen und geschichtlichen Sachverhalten durch einen Expertenausschuss unter Beteiligung der betroffenen Parteien,
  • Die Umsetzung dieser objektiv-wissenschaftlichen Klärung im Rahmen der Bildungs-, Kultur- und Informationspolitik der betroffenen Parteien,
  • Die formelle und materielle (inhaltliche) Differenzierung der Begriffe „Makedonien“, „Makedonier“, „Makedonisch“ und „makedonisch“ nach örtlichen, zeitlichen, kulturellen, geschichtlichen und personellen Kriterien.
  • Die gegenseitige Achtung und Anerkennung der bestehenden völkerrechtlichen Grenzen, der territorialen Integrität und Souveränität der beteiligten Staaten.

Diese Punkte wurden im „Vertrag zur Freundschaft, Guten Nachbarschaft und Zusammenarbeit“ vom 01. August 2017 und im Prespa-Abkommen vom 17. Juni 2018 vollständig berücksichtigt. Sie sollen von nun an von Bulgarien, Griechenland und der Republik Nord-Makedonien auch praktiziert werden. Für Goran Popcanovski und für mich sind damit die wesentlichen Ziele unserer Arbeit an der Überwindung des Kulturstreits um „Makedonien“ und des daraus resultierenden Namensstreits erreicht worden. Die geografische Spezifizierung „Nord“ im Staatsnamen der Republik Nord-Makedonien halten wir weiterhin für nicht notwendig, da diese entgegen der griechischen Auffassung nicht zur Klärung der makedonischen Frage beiträgt und eher zu mehr Missverständnissen in dieser Frage führt. Eines Tages dürfte daher zumindest die Chance bestehen im Rahmen von Verhandlungen wieder einvernehmlich zur Bezeichnung „Republik Makedonien“ zurückzukehren.

Fazit: Die Verträge von 2017 und 2018 und deren vollständige Umsetzungen ab dem Jahr 2019 sind historische, grundlegende und mutige Schritte den Kulturstreit um „Makedonien“ endgültig zum Wohle aller Beteiligten zu überwinden.