Das formelle Ende des Kulturkampfes um „Makedonien“

Mit dem „Vertrag zur Freundschaft, Guten Nachbarschaft und Zusammenarbeit“ zwischen Bulgarien und der Republik Makedonien vom 01. August 2017 und dem „Prespa-Vertrag“ zur Lösung des Streits um den Namen „Makedonien“ zwischen Griechenland und der Republik Makedonien vom 17. Juni 2018 wurde der Kulturstreit um „Makedonien“ durch völkerrechtliche Verträge formell beendet. Durch die Implementierung der Verträge wurde dieser „Friedensschluss“ wirksam. Der Kulturkampf ist damit natürlich noch nicht aus den Köpfen der beteiligten Akteure verschwunden. Der Weg zu einer tatsächlichen Überwindung dieses Kampfes durch die vertraglich vereinbarten Maßnahmen dürfte noch nicht zu Ende gegangen sein. Dennoch markieren die Verträge und deren Umsetzung den Beginn des Endes eines jahrhundertelangen Kulturkampfes um Makedonien. Nachfolgend wird zunächst kurz auf diese Verträge eingegangen. Danach erfolgt eine ausführliche Darstellung des bisherigen Kulturkampfes um Makedonien, welcher über Jahrhunderte andauerte. Anschließend werden die formellen Friedensschlüsse zwischen den Akteuren von 2017 und 2018 und ihre Mechanismen zur Begründung und Wahrung eines dauerhaften Friedensschlusses betrachtet.

Der Vertrag zwischen Bulgarien und der Republik Makedonien

Am 01. August 2017 wurde zwischen Bulgarien und der Republik Makedonien der „Vertrag zur Freundschaft, Guten Nachbarschaft und Zusammenarbeit“ unterzeichnet. Auch wenn dieser nicht unumstritten ist, so war er doch ein Meilenstein und Vorbild für die Region. Der Vertrag beruht im Wesentlichen auf einer bereits am 22. Februar 1999 unterzeichneten Deklaration. Zusätzlich wurde in diesem Vertrag eine gemeinsame multidisziplinäre Expertenkommission für historische und bildungsrelevante Fragen auf paritätischer Grundlage vereinbart. Die gemeinsame Geschichte soll nach objektiven, authentischen und wissenschaftlichen Kriterien bewertet und der Deutungshoheit durch die Politiker entzogen werden. Die Ergebnisse dieser Expertenkommission sollen in der Bildungs-, Kultur- und Informationspolitik beider Staaten umgesetzt werden. Historische Ereignisse und Persönlichkeiten sollen aufgrund der vielfältigen Verbindungen zwischen Bulgarien und Makedonien in der Vergangenheit gemeinsam begangen werden und gelten damit als Bestandteile der Kultur und Geschichte von beiden Nationen. Damit wollen die Republiken Bulgarien und Makedonien ein neues Kapitel in ihren Beziehungen beginnen und ihre kulturellen Streitigkeiten endgültig beilegen.

Wenn dieser Vertrag erfolgreich, sinn- und zweckgemäß umgesetzt wird, dann können alle Differenzen in der makedonischen Kulturfrage zwischen Bulgarien und der Republik (Nord-)Makedonien überwunden werden. Die objektiv-wissenschaftliche Klärung von kulturellen und historischen Fragen ist ein entscheidender und wichtiger Punkt in diesem Vertrag und der Schlüssel zur Lösung der bestehenden Streitigkeiten. Für Bulgarien sind die ethnischen bzw. slawischen Makedonier Teil der bulgarischen Kulturnation. Die ethnischen bzw. slawischen Makedonier sehen sich selbst weder als bulgarisch noch als serbisch an. Sie bilden daher eine eigenständige Kulturnation. Bulgarien akzeptiert diese Selbstidentifikation als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechtes des Volkes der Republik (Nord-)Makedonien. Damit erkennt Bulgarien implizit eine makedonische Kulturnation an. Wichtige historische Ereignisse werden sowohl von Bulgarien als auch von der Republik (Nord-)Makedonien beansprucht und daher unterschiedlich bewertet. In dem Vertrag streben Bulgarien und die Republik (Nord-)Makedonien nicht nur eine objektiv-wissenschaftliche Klärung von historischen Ereignissen an. Auch deren Zuordnung sowohl zur Kultur und Geschichte Bulgariens als auch zu der der Republik (Nord-)Makedonien wird von beiden Staaten als mögliche Lösung akzeptiert. So sollen entsprechende und daraus resultierende Feiertage auch gemeinsam begangen werden.

Eine ausführliche Darstellung findet sich im Artikel „Der bulgarisch-makedonische Vertrag vom 01. August 2017“.

Der Vertrag zwischen Griechenland und der Republik (Nord-)Makedonien

Der Kulturstreit zwischen Griechenland und der Republik Makedonien wurde durch den sogenannten Prespa-Vertrag vom 17. Juni 2018 formell beendet. Vollständig in Kraft getreten ist dieser Vertrag am 12. Februar 2019. Die erreichte Lösung sieht unter anderem die Umbenennung der Republik Makedonien in „Republik Nord-Makedonien“ für den allgemeinen und uneingeschränkten Gebrauch („erga omnes“), sowie die Anerkennung der makedonischen Nationalität und Sprache als „Makedonisch“ vor. In der Vereinbarung wird die Verwendung der Bezeichnungen „Makedonien“, „Makedonier“, „Makedonisch“ und „makedonisch“ durch die Vertragspartner geregelt. Anerkannt wird, dass unter diesen Begriffen verschiedene kulturelle und historische Kontexte stehen. So hat der „Makedonismus“ für Griechenland einen anderen kulturellen und historischen Kontext als der der Republik Nord-Makedonien. Die Republik Nord-Makedonien darf sich nicht auf den griechischen Kontext zu Makedonien beziehen. Damit dürften im Ergebnis das antike Makedonien und die antiken Makedonier der Kultur und Geschichte Griechenlands zugerechnet werden.

Der Vertrag sieht ebenfalls als sehr wichtigen Punkt die objektiv-wissenschaftliche Interpretation von historischen Sachverhalten vor. Zu diesem Zweck haben Griechenland und die Republik (Nord-)Makedonien einen paritätisch organisierten, gemeinsamen und interdisziplinären Sachverständigenausschuss für Geschichts-, Archäologie- und Bildungsfragen eingerichtet, um die objektiv-wissenschaftliche Interpretation historischer Ereignisse durchzuführen, basierend auf authentischen, evidenzbasierten und wissenschaftlich fundierten Quellen und archäologischen Funden. Die Arbeit dieses Sachverständigenausschusses wird von den Außenministerien Griechenlands und der Republik Makedonien in Zusammenarbeit mit anderen zuständigen nationalen Behörden überwacht. Der Ausschuss prüft nach eigenem Ermessen alle Schulbücher und Schulhilfsmittel, wie Karten, historische Atlanten, Lehrpläne (nachfolgend zusammengefasst als Lehrmittel bezeichnet), welche im Gebrauch der Vertragsparteien sind. Diese Überprüfung erfolgt in Übereinstimmung mit den Prinzipien und Zielen der UNESCO und des Europarates. Zu diesem Zweck legt der Ausschuss einen genauen Zeitplan fest, um den Vertragsparteien zu übermitteln, welche Lehrmittel, die ein Jahr nach der Unterzeichnung dieses Abkommens in Gebrauch sind, irredentistische oder revisionistische Verweise enthalten. Hierbei werden auch neue Ausgaben von Lehrmitteln geprüft. Der Sachverständigenausschuss wird regelmäßig, mindestens jedoch zweimal jährlich einberufen, spricht Empfehlungen aus und erstellt einen jährlichen Tätigkeitsbericht.

Eine ausführliche Darstellung findet sich im Artikel „Der Streit um den Namen „Makedonien“ ist formell beendet“.

Der Kulturkampf um Makedonien

Bereits während der Herrschaft des Osmanischen Reiches kam es zu einem bulgarisch-serbisch-griechischen Kulturkampf um Makedonien. Dieser begann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und begründete die makedonische Frage. Ursache war zunächst, dass im Jahre 1766 das serbische Patriarchat von Peć und im Jahre 1777 das bulgarische autokephale Exarchat von Ohrid (Erzbistum) durch die osmanischen Herrscher aufgehoben wurde. In Folge wurden alle orthodoxen Bistümer der slawischen Bevölkerung dem griechischen Patriarchen von Konstantinopel unterstellt. Bereits vorher hatte eine verstärkte Hellenisierung der slawischen Bistümer, vor allem in den bulgarischen und makedonischen Gebieten des Osmanischen Reiches, eingesetzt. Jetzt verdrängte der griechische Klerus das Kirchenslawische zugunsten des Griechischen aus Liturgie und Schrifttum, wogegen sich der niedere Klerus zunächst erfolglos widersetzte. Auch außerhalb der Kirche setzte sich in der christlichen Oberschicht die griechische Sprache durch, die auch Handelssprache in jener Zeit war. Diese Entwicklung führte auch zur Gründung von Schulen mit griechischer Unterrichtssprache. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein blieb das Griechische die Sprache der Händler und der gehobenen Schicht.

Allerdings setzte bei den slawischen Völkern, zunächst hauptsächlich bei den Bulgaren und den Serben, ein Erwachen ihres Nationalbewusstseins ein. Die makedonische Bevölkerung wurde dabei sowohl bulgarisch-kulturell als auch serbisch-kulturell beeinflusst. Wahrscheinlich begünstigte der bulgarisch-serbische Kulturkampf um die makedonische Bevölkerung später die Herausbildung eines makedonischen Nationalbewusstseins. Im Jahre 1838 entstand in Thessaloniki die erste Druckerei, die Schriften in slawischer Sprache herausbrachte. In den 1840er Jahren entstanden auch die ersten Schulen mit lokaler slawischer Unterrichtssprache, die ersten Schulbücher in slawischer Sprache folgten im Jahre 1857. Diese Sprache war damals von ihrem lokalen Umfeld geprägt. Es lässt sich nicht mehr sicher zuordnen, um welche Sprache es sich nach heutigen Maßstäben gehandelt haben könnte. Die heutigen slawischen Sprachen sind eng mit der modernen Nationenbildung der Bulgaren, Makedonier und Serben verbunden.

Zwischen 1860 und 1870 forderten die bulgarischen Städte in Petitionen die osmanischen Herrscher auf, die Oberhoheit der griechischen Patriarchate über die bulgarischen Bistümer aufzuheben und wieder eine selbständige bulgarisch-orthodoxe Kirche zu schaffen. Mit Hilfe der Schutzmacht Russland, die ebenfalls entsprechend auf das Osmanische Reich einwirkte, wurde das bulgarische autokephale Exarchat wieder errichtet. Dieses erstreckte sich auch auf die makedonischen Gebiete des Osmanischen Reiches. Der griechische Patriarch von Konstantinopel widersetzte sich dem Beschluss der osmanischen Regierung und erklärte die bulgarisch-orthodoxe Kirche für schismatisch (Kirchenspaltung ohne neue theologische Auffassung). Doch auch die serbische Regierung protestierte gegen die Neugründung der bulgarisch-orthodoxen Kirche. Sie befürchtete einen zunehmenden bulgarischen Einfluss auf die makedonische Bevölkerung.

Im Ergebnis kam es zu einem bulgarisch-serbisch-griechischen Kulturkampf um Makedonien. Jede Partei wollte die makedonische Bevölkerung für sich gewinnen. Zunächst wurden von den jeweiligen Parteien Lehrer und Priester nach Makedonien geschickt. Für die Serben waren die makedonische Bevölkerung „Südserben“. Nach Auffassung der Bulgaren ist die makedonische Bevölkerung bis heute Teil der bulgarischen Kulturnation. Für die Griechen war die makedonische Bevölkerung ursprünglich griechischer Herkunft, die nur durch einen Irrtum die slawische Kultur und Sprache annahm. Die Bulgaren, Griechen und Serben schickten entsprechend ihrer Auffassungen Lehrer mit Schulbüchern in ihrer jeweiligen Nationalsprache nach Makedonien. Ziel jeder Partei war es, ihren kulturellen Einfluss auf Makedonien zu sichern. Nach Konsularberichten gab es um 1900 in Makedonien 178 serbische, 785 bulgarische und 927 griechische Schulen. Mit den Schulen war auch das Aufkeimen eines entsprechenden Nationalgefühls verbunden. Doch gerade dieser Kampf war ein Aspekt der sogenannten makedonischen Frage und lieferte im Ergebnis auch einen Beitrag zur Herausbildung eines makedonischen Nationalgefühls.

Der weitere Kulturkampf um Makedonien

Mit der Gründung der „Inneren Makedonischen Revolutionären Organisation“ („IMRO“) kam ein neuer Faktor in die Auseinandersetzung um Makedonien. Diese Organisation wurde am 23. Oktober 1893 von sechs jungen Leuten in der Wohnung des Buchhändlers Ivan Nikolov in Thessaloniki gegründet. In ihren Statuen wurde festgelegt, dass die Organisation geheim sein sollte, dass sich ihre Tätigkeit nur auf Makedonien erstrecken und eine Autonomie Makedoniens zum Ziel haben sollte. Entsprechend wurde in den Statuten der IMRO festgelegt, dass nur in Makedonien geborene oder lebende Personen Mitglieder sein konnten und dass die IMRO unabhängig von ihren Nachbarstaaten Bulgarien, Serbien und Griechenland agieren würde.

Allerdings bildeten sich zunächst zwei Fraktionen aus, eine pro-makedonische und eine pro-bulgarische. Die pro-makedonische gliederte sich wiederum in zwei weitere Fraktionen. Eine pro-makedonische Fraktion trat aus pragmatischen Gründen für eine Autonomie Makedoniens innerhalb des Osmanischen Reiches ein, die andere für einen unabhängigen Staat Makedonien. Die pro-bulgarische Fraktion trat für den Anschluss Makedoniens an Bulgarien oder für ein unabhängiges Makedonien unter Einfluss von Bulgarien ein. Zwischen diesen Fraktionen kam es zu blutigen Auseinandersetzungen, die den eigentlichen Kampf um Makedonien deutlich schwächten.

Erstmals kam allerdings auch die Idee einer eigenen makedonischen Nation auf, die in Konkurrenz zu den Auffassungen von Bulgarien, Serbien und Griechenland stand. Inwieweit es schon vorher, zumindest teilweise, ein makedonisches Nationalgefühl gegeben haben könnte, lässt sich aufgrund der unsicheren Quellenlage derzeit nicht verifizieren.

Ein von der IMRO organisierter Aufstand der makedonischen Bevölkerung gegen die osmanische Herrschaft, der zwischen dem 02. und 12. August 1903 stattfand, scheiterte zwar, machte jedoch die europäischen Großmächte auf das Problem Makedonien aufmerksam. Die europäischen Mächte (vor allem Österreich-Ungarn und Russland) forderten vom Osmanischen Reich Reformen zur Verbesserung der Situation der makedonischen Bevölkerung. Das Osmanische Reich war grundsätzlich bereit entsprechende Reformen durchzuführen. Die Umsetzung dieser Reformen ging allerdings nur sehr langsam voran und wurde durch die Machtergreifung der Jungtürken im Juli 1908 beendet. Die Jungtürken gaben sich zwar demokratisch und liberal, waren jedoch für eine streng zentralistische Verwaltung des Osmanischen Reiches. Damit wurden mögliche Reformen im Sinne der makedonischen Bevölkerung oder gar eine Autonomie für Makedonien im Rahmen des Osmanischen Reiches illusorisch.

Währenddessen kämpften neben der IMRO auch bewaffnete Banden der Bulgaren (Komitadschis), Griechen und Serben (Četniks) um die Vorherrschaft in Makedonien. Allerdings stieg aufgrund der Annexion von Bosnien und Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahre 1908 auch der russische Einfluss auf dem Balkan. Russland gelang es Bulgarien und Serbien für einen gemeinsamen Kampf gegen das Osmanische Reich zu gewinnen. Der gegenseitige Kampf von Bulgaren und Serben um Makedonien war somit zunächst zurückgestellt. Zwei Balkankriege sollten dann letztendlich die Entscheidung um Makedonien herbeiführen, die unter geänderten Rahmenbedingungen im Wesentlichen bis heute bestand hat.

Der Erste und Zweite Balkankrieg und die Folgen für Makedonien

Mit der Kriegserklärung Montenegros an das Osmanische Reich am 08. Oktober 1912 begann der Erste Balkankriege. Nachdem am 16. Oktober 1912 das Osmanische Reich Bulgarien den Krieg erklärte, erklärten am 17. Oktober 1912 Bulgarien, Griechenland und Serbien gemeinsam dem Osmanischen Reich den Krieg. Das bereits zuvor geschwächte und instabile Osmanische Reich konnten dem militärisch dauerhaft nichts entgegensetzen. Am 01. Mai 1913 kam es zunächst zu einem Waffenstillstand. Der am 30. Mai 1913 geschlossene Londoner Vertrag beendete dann den Ersten Balkankrieg auch formell. Dieser zwischen den Kriegsbeteiligten geschlossene Vertrag kam unter der Vermittlung der europäischen Großmächte zustande und führte zu einem Verzicht der Osmanen auf alle europäischen Gebiete westlich einer Linie zwischen Midia am Schwarzen Meer und Enez an der Ägäisküste. Die Insel Kreta vereinigte sich aufgrund des Vertrages offiziell mit Griechenland. Mit diesem endete formell eine mehr als 500 Jahre bestehende osmanische Herrschaft auf der Balkanhalbinsel.

Auch Makedonien befand sich damit nicht mehr unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches. Allerdings war es stattdessen von Bulgarien, Griechenland und Serbien besetzt. Die IMRO konnte ihre Ziele, ein einheitliches Makedonien, entweder als unabhängiger Staat oder als Teil von Bulgarien, nicht durchsetzen. Bulgarien erhielt im Vergleich zu Serbien und Griechenland nur einen relativ kleinen Teil von Makedonien und fühlte sich um seinen gerechten Anteil an Makedonien betrogen. Aus diesem Grund griff Bulgarien ohne offizielle Kriegserklärung am 29. Juni 1913 die griechischen und serbischen Armeen in Makedonien an. Die Kämpfe konzentrierten sich zwischen Serres und Thessaloniki und endeten mit einem Sieg der vorbereiteten Verteidiger. Griechenland und Serbien erklärten daraufhin am 08. Juli 1913 Bulgarien den Krieg. Nachdem Rumänien am 09. Juli 1913 und das Osmanische Reich am 11. Juli 1913 Bulgarien den Krieg erklärten, wurde Bulgarien von allen Seiten angegriffen. Ohne nennenswerte Gegenwehr durch bulgarische Truppen erreichten rumänische Truppen bereits nach wenigen Tagen die Vororte der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Die osmanischen Truppen marschierten am 21. Juli 1913 in das nicht verteidigte Adrianopel (heute Edirne) ein und eroberten so diese Stadt von den Bulgaren wieder zurück. Der überwiegende Teil der bulgarischen Verbände war währenddessen in schwerwiegende Kämpfe mit griechischen Verbänden verwickelt.

In dieser Situation musste sich Bulgarien schon innerhalb von wenigen Wochen geschlagen geben. Allerdings zeichneten sich am Ende des Krieges auch noch Auseinandersetzungen zwischen den verbündeten griechischen und serbischen Truppen in der Region Kozani ab. Insgesamt war der Zweite Balkankrieg innerhalb von einem Monat beendet und besiegelte das Schicksal der Region Makedonien. Nur durch den Ersten und den Zweiten Weltkrieg kam es jeweils zu einer temporären Veränderung der Herrschaftsverhältnisse zugunsten Bulgariens. Sowohl im Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) als auch im Zweiten Weltkrieg (1941 – 1944) besetzte Bulgarien vor allem den serbischen bzw. jugoslawischen Teil von Makedonien. Der Zweite Balkankrieg wurde nach einem Waffenstillstand formell durch den Friedensvertrag von Bukarest vom 10. August 1913 beendet. Aufgrund dieses Vertrages musste Bulgarien fast alle im Ersten Balkankrieg erzielten territorialen Gewinne wieder abtreten. Der Großteil von Makedonien (67.313 km²) wurde zwischen Griechenland (Ägäisch-Makedonien, 34.800 km²) und Serbien (Vardar-Makedonien, 25.713 km²) aufgeteilt. Bulgarien erhielt nur einen kleinen Teil von Makedonien (Pirin-Mazedonien, 6.800 km²). Diese Aufteilung besteht heute im Wesentlichen noch fort.

In allen Teilen Makedoniens fand eine intensive Politik der Assimilierung gegenüber der makedonischen Bevölkerung durch die Staaten statt, zu denen diese Teile nun gehören. Im bulgarischen Teil war die Assimilierung weitgehend erfolgreich, zumal eine engere ethnische Verwandtschaft zwischen der makedonischen Bevölkerung und den Bulgaren als zwischen dieser und den anderen Balkanvölkern besteht. Doch auch im bulgarischen Teil betrachten sich noch immer einige Tausend als Angehörige der makedonischen Kulturnation. Dies dürfte zum Teil auch mit der heutigen Existenz einer makedonischen Kulturnation und ihres Staatswesens zusammenhängen.

Im griechischen Makedonien, dem sogenannten Ägäisch-Makedonien, lebten nach dem großen Bevölkerungsaustausch zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei überwiegend Griechen (Anzahl 1.227.000 / Anteil an der Gesamtbevölkerung: 87,5 Prozent) und nur noch eine Minderheit von Bulgaren und ethnischen bzw. slawischen Makedoniern (82.000 / 5,8 Prozent) sowie anderen ethnischen Gruppen (93.000 / 6,7 Prozent). Nach einer Veröffentlichung des Komitees des Völkerbundes für die Ansiedlung von griechischen Flüchtlingen von 1926 lebten im Jahre 1912 vor dem großen Bevölkerungsaustausch in Griechisch-Makedonien 513.000 Griechen (42,6 %), 475.000 Muslime (39.4 %), 119.000 Bulgaren (einschließlich der ethnischen bzw. slawischen Makedonier) (9.9 %) und 98.000 Angehörige anderer ethnischer Gruppen (8,1 %). Es kam sowohl zu Auswanderungsbewegungen der nichtgriechischen Bevölkerung als auch deren Vertreibung und Zwangsumsiedlung. Von den in der griechischen Region Makedonien verbliebenen Nicht-Griechen wurden viele durch eine entsprechende Politik griechisch assimiliert.

Im serbischen bzw. jugoslawischen Teil von Makedonien blieb die Assimilierung der makedonischen Bevölkerung weitgehend erfolglos. Das lag unter anderem an der Benachteiligung der Region und die Diskriminierung der makedonischen Bevölkerung durch die Serben. Gleiches galt im Verhältnis zu den Bulgaren. Zwar wurde die bulgarische Besatzung im Ersten und Zweiten Weltkrieg zunächst als Befreiung empfunden, doch wurde die bulgarische Besatzungspolitik relativ bald zu einer Belastung für die makedonische Bevölkerung im jugoslawischen Teil von Makedonien. Dies führte im Ergebnis auch zu einer Entfremdung zwischen Bulgaren und der jugoslawisch-makedonischen Bevölkerung.

Im Rahmen des kommunistisch-jugoslawischen Volksbefreiungskampfes (1941 – 1944) unter Führung von Josip Broz Tito musste der Kampf auch im jugoslawischen Teil von Makedonien etabliert werden, was sich zunächst als schwierig erwies. Es gab in diesem Teil von Jugoslawien nicht nur den Kampf gegen die Besatzer, sondern auch einen zwischen der bulgarischen und der jugoslawischen Kommunistischen Partei. Um die makedonische Bevölkerung für den Volksbefreiungskampf zu gewinnen, unterstütze Tito die pro-makedonische Auffassung zur Identität der makedonischen Bevölkerung bzw. das Konzept einer eigenständigen makedonischen Nation und stellte ihnen die Anerkennung und Gleichberechtigung mit den anderen jugoslawischen Völkern im Rahmen einer jugoslawischen Föderation in Aussicht.

Auf der Zweiten Tagung des Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens am 29. November 1943 wurden die ethnischen bzw. slawischen Makedonier erstmals als gleichberechtigt mit den übrigen jugoslawischen Völkern und damit als eigenständige Kulturnation anerkannt. Des Weiteren wurde die Schaffung eines makedonischen Staates im Rahmen einer kommunistisch-jugoslawischen Föderation beschlossen. Am 02. August 1944 wurde im Kloster Prohor Pčinski die erste Tagung der „Antifaschistischen Sobranje der Volksbefreiung Makedoniens“ eröffnet und formell der makedonische Staat gegründet, welche als „Volksrepublik Makedonien“ proklamiert wurde. Fortan spielten die Serben im Kulturkampf um Makedonien nur noch eine untergeordnete Rolle bzw. hielten sich aus diesem Kampf weitgehend heraus. Stattdessen wurden die ethnischen bzw. slawischen Makedonier neben den Bulgaren und Griechen Akteure im Kulturkampf um Makedonien, der sich aufgrund des Bürgerkrieges in Griechenland weiterentwickeln sollte.

Die kulturelle Deutungshoheit über Makedonien blieb umstritten

Im jugoslawischen Teil etablierte sich eine makedonische Kulturnation und Sprache, welche ein ethnologisches Vakuum in dieser Region ausfüllte und damit die Begehrlichkeiten der Nachbarstaaten zurückdrängte. Dies führte zu einer klaren Stabilisierung der Region. Zwischen Bulgarien und Jugoslawien gab es von August 1947 bis Juni 1948 zunächst eine Annäherung und eine Übereinkunft über den bulgarischen und jugoslawischen Teil von Makedonien. Im Rahmen einer Föderation zwischen Bulgarien und Jugoslawien sollten beide Teile Makedoniens innerhalb der Volksrepublik Makedonien vereint werden. Bis zur Gründung dieser Föderation bekamen die ethnischen bzw. slawischen Makedonier im bulgarischen Teil von Makedonien eine kulturelle Autonomie zugestanden. Auch wenn es keine Hinweise auf eine konkrete Einbeziehung des griechischen Teils von Makedonien in diese Föderation gibt, so war dennoch klar, dass ein solches Modell die Unterstützung der jugoslawischen und der makedonischen Kommunisten hatte. Der Bruch zwischen Joseph Stalin (Sowjetunion) und Tito im Juni 1948 machte das Projekt einer bulgarisch-jugoslawischen Föderation mit einem vereinten Makedonien als Bestandteil obsolet. Die kulturelle Autonomie der ethnischen bzw. slawischen Makedonier in Bulgarien wurde bis zum Ende des Jahres 1948 wieder zurückgenommen.

Damit ging der Kulturstreit um Makedonien zwischen Bulgarien und Jugoslawien weiter. Nach bulgarischer Auffassung gab es keine makedonische Kulturnation, da die ethnischen bzw. slawischen Makedonier Teil der bulgarischen Kulturnation wären. Die makedonische Sprache wäre ebenfalls nicht eigenständig, sondern ein west-bulgarischer Dialekt. Territoriale Ansprüche auf Makedonien erhoben die Bulgaren seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Nach der Erklärung der Unabhängigkeit der Republik Makedonien von der jugoslawischen Föderation am 18. September 1991 erkannte Bulgarien am 16. Januar 1992 als erster Staat der Welt diese völkerrechtlich an. Erst im Jahre 1999 erkannte Bulgarien das Selbstbestimmungsrecht des Volkes der Republik Makedonien und damit implizit eine makedonische Kulturnation an. Erst durch das Abkommen vom 01. August 2017 wurden die kulturellen Streitigkeiten zwischen Bulgarien und Republik Makedonien formell beendet. Gemäß diesem Abkommen sollen kulturelle und historische Sachverhalte objektiv-wissenschaftlich durch ein paritätisch besetztes Expertengremium geklärt und eine entsprechende Bildungspolitik auf Basis dieser Klärung durch beide Parteien betrieben werden. Historische Ereignisse und Persönlichkeiten können auch beiden Parteien zugerechnet werden. Entsprechend können dieses Feiertage und Gedenktage zu historischen Persönlichkeiten auch gemeinsam begangen werden.

Der Kulturstreit zwischen Griechenland und der Republik Makedonien war wesentlich intensiver und folgenreicher. Im griechischen Bürgerkrieg zwischen griechischen Kommunisten und der völkerrechtlich anerkannten der konservativ-royalistischen griechischen Regierung von 1943/46 bis 1949 kam es zu einer Kooperation zwischen den griechischen und den jugoslawischen Kommunisten. Den Schwerpunkt hatte der griechische Bürgerkrieg in Nordgriechenland bzw. der griechischen Region Makedonien, also in geografischer Nähe zu Jugoslawien. Aus diesen Gründen war Jugoslawien für die griechischen Kommunisten ein strategisch wichtiger Partner, obwohl diese dem sowjetischen Kommunismus unter Stalin näher standen. Den Höhepunkt erreichte der griechische Bürgerkrieg um die Jahreswende 1947/48, danach zeichnete sich aufgrund der oben beschriebenen Entwicklung zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion bereits der Niedergang des kommunistischen Aufstandes ab.

Im Rahmen dieses Bürgerkrieges wurde auch die makedonische Frage thematisiert. Die besonders aus der kommunistisch-jugoslawischen Föderation favorisierten Konzepte reichten von einer kulturellen Autonomie der ethnischen bzw. slawischen Makedonier innerhalb Griechenlands bis hin zu einer Abspaltung der griechischen Region Makedonien und deren Vereinigung mit den anderen makedonischen Gebieten in einer Volksrepublik Makedonien. Die griechischen Kommunisten reagierten eher verhalten auf die Unterstützung durch die jugoslawischen Kommunisten und dürften gegen eine Abspaltung der griechischen Region Makedonien von Griechenland gewesen sein.

Inwieweit die griechischen Kommunisten eine kulturelle Autonomie für die ethnischen bzw. slawischen Makedonier akzeptiert hätten, muss aufgrund der Quellenlage offenbleiben, doch gibt es zumindest für dieses Konzept ein paar Anhaltspunkte. So kämpfte im Rahmen der kommunistisch-griechischen Befreiungsarmee auch eine slawisch-makedonische Einheit. Auf dem fünften Plenum des Zentralkomitees der KPG vom 30/31. Januar 1949 wurde zur makedonischen Frage ausgeführt: „In Nordgriechenland hat das makedonische Volk bis jetzt sein Bestmögliches zum Kampf beigetragen und kämpft mit grenzenloser und bewundernswerter Tapferkeit und Selbstaufopferung weiter. Zweifellos kann nur die nationale Rekonstitutierung des makedonischen Volkes die Konsequenz des Sieges der DSE (Anmerkung: Demokratische Armee Griechenlands) und der Volksrevolution sein, für die es bis heute sein Blut vergießt. Dies entspricht auch seinen eigenen Wünschen“. Was konkret mit nationaler Restauration gemeint war, wurde in der Stellungnahme nicht ausgeführt. Jedoch verstanden alle am Bürgerkrieg beteiligten Akteure entweder die Abspaltung und Unabhängigkeit oder zumindest die Autonomie der griechischen Region Makedonien darunter. Dies wurde in der griechischen Bevölkerung und bei den Gegnern des Kommunismus überwiegend als Verrat aufgefasst. Selbst bei den griechischen Kommunisten war eine mögliche Autonomie oder Abspaltung der griechischen Region Makedonien sehr umstritten.

Nachdem sich bei den griechischen Kommunisten der pro-stalinistische Flügel durchgesetzt hatte, stellte die kommunistisch-jugoslawische Föderation ihre Unterstützung ein. Ohne Nachschub aus Jugoslawien hatte die kommunistisch-griechische Bürgerkriegspartei keine Chance mehr. Im August 1949 wurde ihr von Seiten der royalistischen Armee Griechenlands eine entscheidende Niederlage zugeführt, von der sich die kommunistisch-griechische Volksbefreiungsarmee nicht mehr erholen konnte. Im Oktober 1949 gab sie den Kampf auf und der Bürgerkrieg in Griechenland war damit beendet.

Nach dem Sieg der griechischen Rechten übernahmen diese die Deutungshoheit über den griechischen Bürgerkrieg. Nach deren Auffassung sei es in diesem Bürgerkrieg auch um einen Abwehrkampf gegen slawische Einfälle aus dem Norden gegangen, dabei wurden die Slawen in Griechenland entsprechend instrumentalisiert. Jeder nicht-griechische Makedonismus sei daher eine antigriechische Haltung und richte sich gegen die territoriale Einheit Griechenlands. Zur Stärkung des Patriotismus in Nordgriechenland wurden die griechischen Makedonier in eine direkte Ahnenlinie zu den antiken Makedoniern gebracht, obwohl es eine derartige Verbindung nicht gibt. Des Weiteren wurde eine entsprechend nationale Bildungs- und Kulturpolitik betrieben. Museen, Feier- und Gedenktage und Veranstaltungen sollten ein entsprechendes Bewusstsein in der Bevölkerung Griechenlands fördern. Dies führte nicht nur zu einer besonders ausgeprägten makedonischen Regionalidentität, sondern auch zu der in Griechenland weitverbreiteten Auffassung, „Makedonien sei nur griechisch und jeder nicht-griechische Makedonismus sei die widerrechtliche Aneignung von griechischer Kultur und Geschichte zum Nachteil Griechenlands.“ Eine objektive Behandlung der makedonischen Frage im Rahmen der griechischen Bildungs- und Kulturpolitik fand nicht statt. Entweder wurde diese Frage nicht thematisiert oder die Diskussion wurde durch nationalistische Akteure aus den Zeiten des Bürgerkrieges einseitig geführt. Im Ergebnis hat die griechische Gesellschaft bis heute kein differenziertes Bild über die makedonische Frage.

Im Jahre 1991 zeichnete sich die Unabhängigkeit der Republik Makedonien von Jugoslawien immer mehr ab. Diese Entwicklung fiel in Griechenland in ein selbst induziertes bildungspolitisches Vakuum zur makedonischen Frage, welches von den oben genannten Akteuren aus der Zeit des griechischen Bürgerkrieges dann weitgehend ausgefüllt wurde. Aufgrund der fehlenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der makedonischen Frage konnten sich objektivere Sichtweisen nicht durchsetzen und die alten verzerrten Sichtweisen bestimmten die griechische Politik.

Im Mai 1991 erklärte Griechenland, dass es seinen nördlichen Nachbarn nicht unter den Namen „Republik Makedonien“ anerkennen werde. Damit war der sogenannte Namensstreit als Teil eines wieder heißen Kulturstreits geboren. Nur wenige Staaten erkannten die Republik Makedonien zunächst völkerrechtlich an. Allerdings war kein Mitgliedsstaat der EG darunter. Die internationale Staatengemeinschaft, einschließlich einiger EG-Mitgliedsstaaten, wollte allerdings nicht einseitig der griechischen Argumentation folgen und forderte beide Seiten zum Kompromiss auf. Anfang 1993, nachdem klar wurde, dass ein weiteres kategorisches Ablehnen der Bezeichnung „Makedonien“ Griechenland in der internationalen Staatengemeinschaft isolieren würde, musste Griechenland schließlich einlenken. Auch die Republik Makedonien musste bis auf Weiteres auf eine uneingeschränkte Anerkennung ihrer verfassungsmäßigen Bezeichnung verzichten.

In der Resolution 817 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (UN) vom 07. April 1993 wurde die Existenz des Namensstreits zwischen der Republik Makedonien und der Hellenischen Republik (Amtliche Bezeichnung für Griechenland) sowie die Bedeutung der Lösung dieses Streits für den Frieden und die guten nachbarschaftlichen Beziehungen in der betroffenen Region festgestellt. Diese Feststellung erfolgte seinerzeit auch unter dem Eindruck des ethnischen Krieges in Bosnien und Herzegowina und in Kroatien. Gemäß dieser Resolution wurde die Republik Makedonien am 08. April 1993 unter der vorläufigen Bezeichnung „Die Ehemalige Jugoslawische Republik Makedonien“ in die Vereinten Nationen aufgenommen. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen stimmte dieser Aufnahme per Akklamation zu. In Griechenland und in der Republik Makedonien fand dieser Kompromiss keine große Zustimmung. Im griechischen Parlament erhielt er nur eine knappe Zustimmung von 152 gegen 146 Stimmen und im makedonischen Parlament beschuldigte die nationalkonservative Opposition die Regierung, der Endnationalisierung Makedoniens Vorschub geleistet zu haben. In einer weiteren Resolution des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (Resolution 845) vom 18. Juni 1993 wurden die Hellenische Republik und die Republik Makedonien dazu aufgefordert, den zwischen ihnen bestehenden Namensstreit im Rahmen und unter Vermittlung der Vereinten Nationen zu lösen. Dieser Aufgabe ist seit 1993 ein entsprechender Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen zugewiesen. Von 1994 bis heute hat Matthew Nimetz dieses Amt inne und nun seine Aufgabe erfüllt.

Alle Gespräche und Vermittlungsversuche im Rahmen der Vereinten Nationen blieben zunächst erfolglos. Vom 16. Februar 1994 bis zum 14. Oktober 1995 verhängte Griechenland sogar ein Handelsembargo gegen die Republik Makedonien. Dieses Embargo konnte durch das Interimsabkommen zwischen Griechenland und der Republik Makedonien vom 13. September 1995 beendet werden. Allerdings bestätigte dieses Interimsabkommen bis zum Jahr 2018 den Status quo gemäß den oben genannten Resolutionen des UN-Sicherheitsrates und sollte ein Modus vivendi bis zur endgültigen Lösung des Streits um den Namen „Makedonien“ bieten.

Rund 25 Jahre wurde erfolglos im Rahmen und unter der Vermittlung der Vereinten Nationen verhandelt. Nach einer jahrelangen Pause wurden die Gespräche am 19. Januar 2018 wieder aufgenommen und die Verhandlungen zur Lösung des Streits zwischen Griechenland und der Republik Makedonien intensiviert. Sie waren schwierig und standen zeitweise vor dem Scheitern. Der Durchbruch kam am 12. Juni 2018, als die Ministerpräsidenten Griechenlands und der Republik Makedonien eine Einigung erzielten. Mit der Unterzeichnung des sogenannten Abkommens von Prespa am 17. Juni 2018 durch die Außenminister beider Staaten wurde diese Einigung durch einen völkerrechtlichen Vertrag formell bekräftigt. Mit einer Änderung der makedonischen Verfassung vom 11. Januar 2019 wurde der Vertrag in der Republik Makedonien verfassungsrechtlich implementiert. Daraufhin ratifiziertes das griechische Parlament am 25. Januar 2019 den Prespa-Vertrag und am 08. Februar 2019 das NATO-Beitrittsprotokoll für die Republik Nord-Makedonien. Die Verfassungsänderungen in der Republik Makedonien traten vier Tage nach dieser letzten Ratifizierung in Kraft. Seit dem 12. Februar 2019 hat der Staatsname „Republik Nord-Makedonien“ sowohl die bisherige verfassungsmäßige Bezeichnung „Republik Makedonien“ als auch die provisorische UN-Bezeichnung „Die Ehemalige Jugoslawische Republik Makedonien“ vollständig ersetzt. Damit ist der seit Mai 1991 bestehende Streit um den Namen Makedonien formell überwunden. Der zugrundeliegende Kulturstreit hat zwar ein formelles Ende gefunden, doch ist er längst nicht überwunden.

Die Lösung des Kulturstreits

Die makedonische Antwort auf die makedonische Frage wird für den ehemals jugoslawischen Teil von Makedonien bzw. für die Republik Nord-Makedonien durch Bulgarien und Griechenland prinzipiell mit Bedingungen anerkannt. Demnach gibt es in der Republik Nord-Makedonien eine makedonische Nation und Sprache. Dies bezieht sich im Ergebnis sowohl auf eine makedonische Staatsnation und Amtssprache als auch auf eine makedonische Kulturnation und -sprache.  Auch die territoriale Integrität der Republik Nord-Makedonien wird von Bulgarien und Griechenland anerkannt.

Die Republik Nord-Makedonien erkennt die kulturellen Entwicklungen in Bulgarien und Griechenland an. Hier bleibt allerdings derzeit noch als strittiger Punkt der Status der ethnischen bzw. slawischen Makedonier als Minderheit in Bulgarien und Griechenland offen. Allerdings kann dieser Punkt nach erfolgreicher Beendigung des Kulturstreits unter deutlich besseren Rahmenbedingungen in der Zukunft debattiert und zu einer Lösung gebracht werden. Auch der Staatsname „Nord-Makedonien“ ist umstritten. Die ethnischen bzw. slawischen Makedonier würden lieber zur ursprünglichen Bezeichnung „Republik Makedonien“ zurückkehren. Auch in Bulgarien gibt es Kreise, welche die geografische Spezifizierung „Nord“ ablehnen. Denn ein Teil von Nord-Makedonien im geografischen Sinne gehört ja zu Bulgarien. Die von Griechenland geforderte neue Staatsbezeichnung mit geografischer Spezifizierung, Republik Nord-Makedonien, führt eher zu mehr als zu weniger Missverständnissen in der makedonischen Frage. Denn es entsteht so noch mehr der Eindruck eines geteilten Ganzen (wie z.B. im Falle von Nord- und Süd-Korea oder Nord- und Süd-Zypern). Hingegen wären die kulturellen Unterschiede zwischen der griechischen Region Makedonien bzw. den griechischen Makedoniern und der Republik Nord-Makedonien bzw. den ethnischen bzw. slawischen Makedoniern aus dem Staatsnamen erst recht nicht mehr ersichtlich. Auch wenn der neue Staatsname ein symbolträchtiges Zugeständnis an Griechenland war, ein wirklicher Gewinn für Griechenland ist er nicht. Allerdings wird der neue Staatsname „Nord-Makedonien“ von allen drei Parteien formell akzeptiert. Eine einvernehmliche Zurückbenennung in „Republik Makedonien“ in der Zukunft dürfte prinzipiell jedoch möglich sein.

Der Kulturstreit um Makedonien geht jedoch tiefer. Es geht um die Kulturhoheit über Makedonien, welche jeder der drei Parteien anstrebte. Die Auffassungen der drei Parteien zur Kultur und Geschichte Makedoniens sind unterschiedlich und decken sich daher nicht. Dies schürt den Kulturkonflikt bis heute. Zum Teil sind die vielseitigen kulturellen Entwicklungen in Makedonien bezüglich Bulgariens, Griechenlands und der Republik Nord-Makedonien auch miteinander verwoben und lassen sich nicht einer Partei zurechnen. Nur zum Teil lassen sich historische Ereignisse klar voreinander trennen und einer Partei zurechnen. Eine Lösung im Kulturstreit um Makedonien kann daher nur inhaltlich und nicht durch Symbolpolitik gefunden werden.

Die objekt-wissenschaftliche Interpretation von kulturellen und historischen Sachverhalten ist der einzig sinnvolle und zweckmäßige Weg, den Kulturstreit um Makedonien zu überwinden. Doch ist dies nur der erste Schritt und er kann auch scheitern. In den vereinbarten Expertengremien zur objektiv-wissenschaftlichen Klärung von kulturellen und historischen Sachverhalten müssen zwingend geeignete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sitzen, welche neutral und unabhängig gegenüber politischen Einflüssen aus Bulgarien, Griechenland und der Republik Nord-Makedonien sind. Daher wäre die Hinzuziehung von internationalen Expertinnen und Experten, mit genügend Distanz zu den betroffenen Parteien, dringend zu empfehlen.

Die Parteien am Kulturstreit um Makedonien müssen ihre Verträge achten und die Ergebnisse einer objektiv-wissenschaftlichen Klärung auch anerkennen. Die Arbeit in den Expertengremien sollte daher transparent sein und von den Parteien ausdrücklich unterstützt werden. Letztendlich müssen die Ergebnisse der objektiv-wissenschaftlichen Klärung in der Bildungs-, Kultur- und Informationspolitik der Parteien umgesetzt werden. Vor allem in den Bildungssystemen der Parteien muss diese Klärung gelehrt werden. Wenn dies gelingt, dann wird langfristig der Kulturstreit um Makedonien vollständig überwunden werden können.

Bei jedem dieser Schritte besteht jedoch auch die Gefahr, dass eine oder mehrere Parteien die Intension der Verträge bei geänderten politischen Rahmenbedingungen unterlaufen könnten. Die Mechanismen zur Lösungsfindung sind folgerichtig und gut geeignet, diesen Kulturstreit zu beenden. Sie hängen jedoch von der tatsächlichen Bereitschaft der Beteiligten ab, diese auch vertrags-, sinn- und zweckgemäß umzusetzen.

Eine Alternative zu diesem Weg dürfte es jedoch nicht geben. Bulgarien, Griechenland und die Republik Nord-Makedonien haben durch die Verträge von 2017 und 2018 und deren Umsetzung ihren Willen bekräftigt, den Kulturstreit um Makedonien zu beenden. Nun müssen diese drei Parteien den schweren und steinigen Weg auch bis Ende gehen und dürfen nicht von ihm abweichen. Bei einer konsequenten Umsetzung der Verträge kann der Kulturstreit komplett überwunden werden.

Fazit

Durch den „Vertrag zur Freundschaft, Guten Nachbarschaft und Zusammenarbeit“ zwischen Bulgarien und der Republik Makedonien vom 01. August 2017 und dem „Prespa-Vertrag“ zwischen Griechenland und der Republik Makedonien vom 17. Juni 2018 wurde eine geeignete Grundlage für die Beendigung des Kulturstreits um Makedonien geschaffen. Bei einer erfolgreichen Umsetzung dieser Verträge würde dieser Kulturkampf auf längerer Sicht der Vergangenheit angehören.

An diesem historischen Ziel müssen die beteiligten Akteure gewissenhaft und intensiv arbeiten. Beide Verträge können als historisch und mutig bezeichnet werden. Sie sind nicht unumstritten und dennoch würde ihre erfolgreiche Umsetzung zu einem historischen Frieden in Makedonien führen: Der jahrhundertelange Kulturkampf um Makedonien würde beendet. Anstelle eines Kampfes stünden dann die gemeinsamen Anstrengungen der ursprünglichen Gegner für eine prosperierende Zukunft aller Einwohner von Makedonien. Diese gemeinsamen Anstrengungen würden unter Achtung der kulturellen Vielseitigkeit Makedoniens und seiner Bevölkerung stattfinden und damit die Kulturlandschaft Makedonien als kulturellen Beitrag für Europa prägen. Am Ende könnte eine europäische Kulturregion „Makedonien“ entstehen, als verbindender Faktor zwischen Bulgarien, Griechenland und der Republik Nord-Makedonien. Diese europäische Kulturregion Makedonien unter dem Dach der Europäischen Union (EU) sollte eines der Resultate aus dem Ende des Kulturkampfes sein. In dieser Kulturregion wären Bulgarien, Griechenland und die Republik Nord-Makedonien nicht mehr Konkurrenten um eine bestimmte kulturelle Ausrichtung Makedoniens, sondern Förderer und Teilhaber der vielseitigen makedonischen Kultur.

Der Kulturkampf um Makedonien prägte über Jahrhunderte die Region. Nun wurden sinnvolle und zweckmäßige Mechanismen zwischen den Kampfparteien vertraglich vereinbart, welchen diesen überwinden können. Wissenschaft und Bildungspolitik sind sehr geeignete Methoden einem nationalistisch induzierten Kulturkampf die Grundlage zu entziehen. Überhaupt sind Wissenschaft und Bildung geeignete Waffen zur Bekämpfung von Nationalismus und Irredentismus. Nicht sofort, doch auf längerer Sicht wird der Kulturkampf um Makedonien so der Vergangenheit angehören.