Denkanstöße zu Makedonien im Jahre 2012

Der Term „Makedonien“ ist sehr wichtig – sowohl für die Hellenische Republik (Griechenland) und ihre Nation als auch für die Republik Makedonien und ihre Nation. Die Geschichte und Kultur Makedoniens ist sowohl ein wichtiger Bestandteil der hellenischen Geschichte und Kultur als auch der Geschichte und Kultur der Republik Makedonien. Die makedonische Identität ist sowohl  wichtig für die Identität der griechischen Makedonier als Bestandteil der hellenischen Nation als auch für die Identität der ethnischen oder slawischen Makedonier als Nation. Die ursprüngliche Bedeutung des Terms Makedonien und der mit diesem Term assozierten Begriffe, wie etwa „Makedonier“, „Makedonisch“  oder „makedonisch (Adjektiv)“ präjudiziert nicht die heutige Bedeutung des Terms Makedonien und der mit diesem Term assozierten Begriffe. Diese Feststellungen bilden einen möglichen Rahmen für eine Lösung des sogenannten Namensstreits, außerhalb dieses Rahmens ist nach meiner Auffassung keine Lösung zu finden.

Kulturlandschaft Makedonien

Eine große bilaterale Herausforderung im Rahmen der Vereinten Nationen

Die Lösung des sogenannten Namensstreits ist sowohl eine außenpolitische als auch eine innenpolitische Herausforderung für die betroffenen Parteien – namentlich die Hellenische Republik und die Republik Makedonien. Außenpolitisch ist eine Lösung des sogenannten Namensstreits besonders für den Frieden und die Stabilität in der betroffenen Region wichtig. Dies hat bereits der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in der Resolution 817 vom 07.04.1993 festgestellt. Daher beteiligen sich die Vereinten Nationen (VN) gemäß der Resolution 845 des VN-Sicherheitsrates vom 18.06.1993 auch an einer Lösungsfindung. Genau genommen soll eine Lösungsfindung in bilateralen Gesprächen zwischen der Hellenischen Republik und der Republik Makedonien im Rahmen der Vereinten Nationen erfolgen. Zuständig dafür ist seit 1994 der VN-Sonderbeauftragte Matthew Nimetz. Innenpolitisch ist jede Lösung des sogenannten Namensstreits eine besondere Herausforderung für die betroffenen Parteien, da jede mögliche Lösung auch die jeweilige nationale Identität der betroffenen Nationen berührt. Die innenpolitische Situation setzt der Außenpolitik der betroffenen Parteien enge Grenzen für eine mögliche Lösung. Jede Lösungsfindung wird aufgrund dieser Situation besonders erschwert und die bilateralen Gespräche im Rahmen der Vereinten Nationen dienen mehr einer Alibifunktion als einer effektiven Lösungsfindung. Am 16.01. und 17.01.2012 finden auf Einladung des VN-Sonderbeauftragten Matthew Nimetz in New York neue Gespräche mit dem griechischen Unterhändler Adamtios Vassilakis und dem makedonischen Unterhändler Zoran Jolevski statt. Solche Gespräche führten bisher zu keiner Lösung und auch die jetzigen Gespräche werden wohl nichts wirklich Neues bringen. Die Lösungsfindung im Rahmen der Vereinten Nationen ist an sich richtig, die Organisation dieser Lösungsfindung in diesem Rahmen ist nach meiner Auffassung jedoch mangelhaft und nicht geeignet diesen sogenannten Namensstreit zu lösen.

Vorschlag: Eine Makedonien-Konferenz im Rahmen der Vereinten Nationen

Die allgemeine makedonische Frage war eine Frage der internationalen Politik mit regionaler Bedeutung. Der sogenannte Namensstreit als Ausdruck einer speziellen Frage ist nicht nur ein bilateraler Streit zwischen zwei Parteien. Dieser Streit hat auch einen internationalen Aspekt mit regionaler Bedeutung für den Frieden und die Stabilität in der betroffenen Region. Die spezielle makedonische Frage kann daher auch als eine Frage der internationalen Politik mit regionaler Bedeutung angesehen werden. Daher sind sowohl bilaterale Gespräche zwischen den betroffenen Parteien als auch die Beteiligung der internationalen Gemeinschaft an einer Lösungsfindung wichtig. Zusätzlich zu weiteren Gesprächen zwischen den betroffenen Parteien sollte auch zu einer sogenannten Makedonien-Konferenz im Rahmen der Vereinten Nationen eingeladen werden. An dieser Konferenz sind neben den betroffenen Parteien auch die unmittelbaren Nachbarstaaten, Vertreter der Europäischen Union (EU) und der Vereinten Nationen sowie internationale Experten aus den Bereichen Geschichte (besonders die Geschichte der makedonischen Region und ihrer Bevölkerung), Ethnologie, Sprachwissenschaften, Völkerrecht und Soziologie zu beteiligen. Selbstverständlich ist diese Aufzählung hier nicht abschließend, alle die objektiv zu einer Lösungsfindung beitragen können sollten auch beteiligt werden. Diese Konferenz sollte einen festen inhaltlichen und zeitlichen Rahmen haben und vor allem transparent arbeiten. Auch die betroffenen Nationen sollten inhaltlich partizipieren können. Eine offene und tolerante Diskussionskultur, von den Medien nach Möglichkeit entsprechend gefördert, ist eine wichtige Basis für eine effektive und gerechte Lösungsfindung. Diese Makedonien-Konferenz kann auf jeden Fall wichtige Impulse für eine Lösungsfindung liefern. Sie kann jedoch auch eine mögliche Klärung der spezielle makedonische Frage materiell herbeiführen und einen konkreten Rahmenvorschlag für eine mögliche Lösung erarbeiten. Der mögliche Rahmenvorschlag bildet dann die Grundlage für weitere bilaterale Gespräche zwischen den betroffenen Parteien und einer finalen Lösung. Eine Makedonien-Konferenz ist nur dann ein sinnvoller Weg, wenn dieser auch von den betroffenen Parteien gewollt ist. Doch wenn die betroffenen Parteien mit ihrem bisherigen Weg zu einer Lösungsfindung im Rahmen der Vereinten Nationen einfach nicht weiterkommen, dann sollten sie über friedliche und effektivere Alternativen nachdenken.

Makedonien als gemeinsame Chance begreifen

Die Region Makedonien ist eine große Kulturlandschaft, in der vor allem verschiedene Kulturen zu Hause sind. Makedonien hat keinen einfachen oder eindimensionalen Charakter, vor allem ist Makedonien mehr als die Summe seiner Bestandteile. Das heutige Makedonien in seinen heutigen regionalen Grenzen als gemeinsame Chance und Herausforderung zu begreifen kann ein wichtiger Aspekt für den Frieden und die Stabilität in dieser Region sein. Die Zeiten der zwei Balkankriege (1912 /  1913) und der zwei Weltkriege (1914 – 1918 und 1939/1941 – 1945) sind ebenso vorbei wie die Zeiten des griechischen Bürgerkrieges (1946 – 1949). Als die Sozialistisch Föderative Republik Jugoslawien (SFRJ) im Jahre 1991 in einem blutigen Krieg zerfiel, bildete die Unabhängigkeit der Republik Makedonien die friedliche und stabile Ausnahme. Auch wiederholte sich nicht reflexartig der Streit um das makedonische Territorium zwischen Bulgarien, Griechenland und Serbien, das zu zwei Balkankriegen geführt hatte und auch während der zwei Weltkriege von Bedeutung war. Der Grund ist einfach: Die Existenz einer makedonischen Nation füllt ein ethnologisches Vakuum und kompensiert damit effektiv mögliche, sich überlappende Gebietsansprüche von den Nachbarstaaten. Gerade die Existenz der Republik Makedonien und der makedonischen Nation ist ein Garant für Frieden und Stabilität in der Region. Die Situation während der zwei Balkankriege (1912 / 1913) und der zwei Weltkriege war eine völlig andere als heute. Nur noch eines kann diesen Frieden und diese Stabilität empfindlich stören – der sogenannte Namensstreit. Die Existenz der makedonischen Nation ist fest mit ihrer makedonischen Identität verbunden. Wer die makedonische Identität der makedonischen Nation in Frage stellt, stellt wollend oder nicht wollend auch ihre Existenz in Frage. Mit der makedonischen Identität der makedonischen Nation ist auch der Name ihres Staatswesens fest und untrennbar verbunden. Doch die Hellenische Republik und die hellenische Nation sind ebenso fest mit Makedonien verbunden. Die makedonische Identität der griechischen Makedonier als Bestandteil der hellenischen Nation ist unstrittig und damit ist die makedonische Identität auch ein Bestandteil der hellenischen Identität. Die Geschichte und die Kultur des antiken Makedonien und der antiken Makedonier ist fest mit der Geschichte und Kultur der antiken griechischen Staaten und Volksstämme verbunden. Nach mehrheitlicher akademischer Auffassung waren die antiken Makedonier ein antiker griechischer Volksstamm und waren ganz zweifellos die Namensgeber für die Region Makedonien. Heute gibt es das antike Makedonien und die antiken Makedonier nicht mehr. Das heutige Makedonien unterscheidet sich territorial vom antiken Makedonien und die heutigen Makedonier unterscheiden sich personell von den antiken Makedoniern. Die Region Makedonien und ihre Bevölkerung haben im Laufe der Zeit eine große Entwicklung durchgemacht. Geblieben sind zwar die formellen Bezeichnungen, die jedoch in der heutigen Zeit eine ganz andere materielle Bedeutung haben und um die sich jetzt gestritten wird. Doch statt zu streiten, kann die gemeinsame Verantwortung für die Region Makedonien mit ihrer vielseitigen Geschichte und Kultur in den Vordergrund gestellt werden. Verantwortungsvolle Erben der vielseitigen makedonischen Geschichte und Kultur sind nämlich alle Völker der Region. Auch das antike Makedonien als Teil der antiken griechischen Geschichte und Kultur und damit natürlich auch als Bestandteil der heutigen hellenischen Geschichte und Kultur steht dazu nicht im Wiederspruch. Einzelne Epochen der Geschichte und Kultur Makedoniens, wie etwa die Epoche des antiken Makedonien, können durchaus der Geschichte und Kultur eines bestimmten Staates bzw. einer bestimmten Nation grundsätzlich zugeordnet werden. Die gesamte Geschichte und Kultur Makedoniens muss jedoch in der Verantwortung aller betroffenen Staaten mit ihren Nationen liegen. Die Anerkennung des mehrdimensionalen Charakters des heutigen Makedonien mit einer gemeinsamen Verantwortung für die vielseitige makedonische Geschichte und Kultur ist ein großer Gewinn für den Frieden und die Stabilität in der Region.

Der Weg der europäischen Integration

Viele der heutigen Territorialkonflikte auf dem Balkan, etwa der Kosovo-Konflikt oder der Konflikt der Entitäten von Bosnien und Herzegowina, würden im Rahmen einer weitgehenden europäischen Integration an Bedeutung verlieren. Im Rahmen der Europäischen Union wären zum Beispiel alle südslawischen Völker ebenso  unter einem gemeinsamen Dach vereint wie die ethnischen Albaner in Albanien, im Kosovo, in Makedonien, in Montenegro und in Serbien. Für die Serben gilt dies ebenso wie für die Kroaten oder sonstigen europäischen Völker. Für die Republik Makedonien bedeutet die europäische Integration eine weitere Stabilisierung ihres Staatswesens mit ihrer Nation. Insgesamt trägt eine weitgehende europäische Integration auch zu mehr Frieden und Stabilität in der Region Makedonien bei. Die an der historischen und territorialen Region Makedonien grundsätzlich beteiligten Staaten Bulgarien, Griechenland und Makedonien (Republik) könnten als gemeinsame Erben der makedonischen Territorialgeschichte einen gemeinsamen Kulturraum Makedonien (Kulturlandschaft Makedonien) entwickeln und fördern. Makedonien ist sowohl von seiner territorialen als auch von seiner personellen Struktur her sehr vielseitig und damit ein Gewinn für die ganze Region. Gerade für den Tourismus bietet eine gemeinsame Kulturlandschaft Makedonien große Entwicklungsmöglichkeiten. Auch eine gemeinsame wirtschaftliche Prosperität wird die gemeinsame Kulturlandschaft Makedonien ermöglichen. So ist die Region Makedonien zum Beispiel bekannt für seine Weine. Es gibt Weine aus der griechischen Region Makedonien und aus der Republik Makedonien. Ein vielseitiges Weinangebot aus der Kulturlandschaft Makedonien, mit regionalen Eigenarten, ist ebenso ein Gewinn für Griechenland wie für die Republik Makedonien. Die Mitgliedschaft der Republik Makedonien in der Europäischen Union oder sogar nur der Beginn von Gesprächen über ihren möglichen Beitritt zur EU wird von einer Lösung des sogenannten Namensstreit abhängig gemacht. Bulgarien und Griechenland sind bereits Mitglieder der Europäischen Union. Es ist politisch sinnvoll den Beginn von EU-Beitrittsgesprächen mit der Republik Makedonien auch vor einer möglichen Lösung des sogenannten Namensstreits zu beginnen. Der Beitritt selbst erfolgt dann erst nach einer Lösung, dies könnte in einem Vertrag zwischen der EU und der Republik Makedonien entsprechend festgelegt werden. Für die Gründung einer gemeinsamen Kulturlandschaft Makedonien durch Bulgarien, Griechenland und Makedonien (Republik)  im Rahmen der EU ist eine Lösung des sogenannten Namensstreits Voraussetzung. Die positive Ironie der Geschichte wäre, dass durch eine gemeinsame Kulturlandschaft Makedonien aus dem ursprünglichen Zankapfel Makedonien ein gemeinsamer Gewinn zum Wohler aller ehemaligen Streitparteien würde. Im Rahmen der EU wäre die Kulturlandschaft Makedonien auch ein großer Gewinn für die europäische Geschichte und Kultur.

Fazit

Wir brauchen eine makedonische Antwort auf die spezielle makedonische Frage und eine makedonische Lösung des sogenannten Namensstreits. Der Term Makedonien und die mit diesem Term assozierten Begriffen sind hier in ihrer Vielseitigkeit mit ihren vielseitigen Bedeutungen zu verstehen. Nicht gemeint ist hier ein bestimmtes Makedonien mit bestimmten Makedoniern und einer bestimmten Eigenschaft makedonisch – also zum Beispiel nicht gemeint ist nur ein griechisches Makedonien mit griechischen Makedonien  oder nur  eine Republik Makedonien mit ethnischen oder slawischen Makedoniern. Gemeint ist ein Makedonien mit Makedoniern, dass sich innerhalb seiner heutigen regionalen Grenzen durchaus territorial und personell unterscheidet, das sich heute auch vom antiken Makedonien und von den antiken Makedoniern territorial und personell unterscheidet. Trotz dieser territorialen, personellen und temporären Unterschiede hat die Kulturlandschaft Makedonien auch eine gemeinsame Geschichte und Kultur. Diese gemeinsame Geschichte und Kultur kann auch wahrgenommen werden, wenn die Aufmerksamkeit entsprechend offen ist. Eine gemeinsame makedonische Geschichte und Kultur oder eine Kulturlandschaft Makedonien bedeutet jedoch keine Revision von staatlichen Grenzen und vor allem begründen sie keine territorialen Ansprüche. Es ist gerade die Vielseitigkeit der makedonischen Geschichte und Kultur, die im Ergebnis unter anderem zur Herausbildung der griechischen Makedonier als Bestandteil der hellenischen Nation und zur Herausbildung der ethnischen oder slawischen Makedoniern als Nation führten. Entsprechend  gibt es folgerichtig auch eine griechische Region Makedonien als völker- und staatsrechtlicher Bestandteil der Hellenischen Republik und eine Republik Makedonien als Völkerrechtssubjekt. Makedonien ist mehr als die Summe seiner Bestandteile, es ist mehr als nur Griechenland oder nur Republik Makedonien, es hat als Kulturlandschaft mit seinen verschiedenen beheimateten Kulturen sowohl einen einzigartigen Charakter als auch einen mehrdimensionalen Charakter.