Antonio Milososki: „Die Mauer muss weg!“

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Für die FAZ hat der mazedonische Außenminister einen Beitrag verfasst, welcher in der heutigen Ausgabe veröffentlicht wurde.

An diesem Sonntag wird in Deutschland wieder des Tages gedacht, an dem vor neunzehn Jahren die innerdeutsche Mauer fiel und die Menschen nach Jahrzehnten der Trennung von Familien und Freunden wieder ungehindert zueinander gelangen konnten.

Die wenigsten Deutschen allerdings wissen, dass heute noch in Europa eine unsichtbare administrative Mauer besteht, die leider sehr effektiv Europäer von Europäern trennt: das Schengener Visa-Regime der Europäischen Union. „Schengen“ basiert auf einem noblen Gedanken der beteiligten Politiker: Kein EU-Bürger sollte mehr von einer Grenzkontrolle behindert werden. Aber in Richtung der Nachbarn und zukünftigen Mitglieder der Europäischen Union in Südosteuropa wurde von den Bürokraten mit der Einführung einer restriktiven Visa-Politik eine Barriere errichtet, die es so nicht einmal zu Zeiten des ottomanischen Imperiums gegeben hat.

Noch heute sehen sich Geschäftsleute, Wissenschaftler, Journalisten, Studenten und Schüler sowie natürlich Touristen aus Südosteuropa hohen bürokratischen Hürden gegenüber, wenn sie beispielsweise aus meiner Heimat Mazedonien nach Deutschland reisen wollen. Zwingend erforderlich dafür sind neben hohen Visagebühren Einladungen, Verpflichtungs- erklärungen und Einkommensnachweise. Dazu kommt ein erheblicher zeitlicher Aufwand. Spontane Reisen, beispielsweise zum Besuch von Freunden oder von Geschäftspartnern, sind unmöglich.

Als Resultat wächst unsere Jugend, die keine Chance hat, diese bürokratische Mauer zu überwinden, ohne Europa-Erfahrung auf. Unsere Wissenschaftler sind von den wichtigen Kontakten abgeschnitten, und unsere Geschäftsleute haben Schwierigkeiten, zu Geschäftsabschlüssen nach Deutschland zu kommen, obwohl die Bundesrepublik unser wichtigster Handelspartner ist.

Meinen Landsleuten kommt dies völlig unverständlich vor. Denn mein Heimatland Mazedonien, seit 2005 EU-Beitrittskandidat, stellt mit seinen gerade einmal etwas mehr als zwei Millionen Einwohnern keine Gefahr dar, die Europäische Union, die 500 Millionen Einwohner hat, mit Emigranten zu überschwemmen. Im Gegenteil, unsere Polizei leistet heute schon einen guten Dienst für die EU-Staaten bei der Abwehr von Menschen- und Drogenschmuggel, dessen Ziel die Länder der Europäischen Union sind, und wurde dafür von den europäischen Institutionen gelobt.

Die Generation meines Vaters und Großvaters reiste zu jugoslawischen Zeiten visafrei durch ganz Europa, ohne dass dadurch irgendein Nachteil für irgendjemanden entstanden wäre. Ihren Söhnen und Enkeln wird nun durch „Schengen“ aber sogar ein Besuch in unseren Nachbarländern Bulgarien und Griechenland schwergemacht, weil diese bereits der EU angehören. Eine (Flug-)Reise nach Ägypten oder Tunesien ist oft einfacher als eine Reise nach Deutschland, obwohl uns Deutschland viel mehr interessiert. Die Bitte meiner Landsleute in Mazedonien und die aller Einwohner Südosteuropas lautet deshalb:

Liebe Europäer, reißt die innereuropäische Mauer nieder und lasst uns am europäischen Leben teilnehmen!

Der Autor ist Außenminister der Republik Mazedonien.
Text: F.A.Z., 08.11.2008, Nr. 262 / Seite 12