Der Exodus der Ägäis-Makedonier (Teil 1)

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UPDATE: VIDEO: http://www.youtube.com/watch?v=LOFcR2yTKN8

Aleksandra Cvetanoska hat ihren Bruder Gjorgji nach 54 Jahren in Australien gefunden. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Heimen in Polen, nachdem sie als Zweieinhalbjahre altes Kind mit anderen Kindern des Dorfes „Shtrkovo“ gebracht wurde.

Doca Gogarevska aus „Sheshtevo“ hatte ihre Mutter nie gesehen. Nach der Massenevakuierung der Kinder aus Ägäis-Makedonien 1948 starb ihre Mutter kurz nachdem griechische Soldaten ihren Mann und ihre beiden größeren Töchter auf irgendeine Insel gebracht und interniert wurden.
Beide Schwestern leben heute in Griechenland, der ältere Bruder in Tschechien. Der kleinere Bruder ist mit ihr in Polen.

„Das erste Treffen mit meinen Eltern war nach acht Jahren. Als ich sie zum ersten Mal sag, empfand ich sie nicht als Vater und Mutter, nicht mal den Bruder als Bruder. Ich bin in Heimen aufgewachsen, ich habe dieses Gefühl verloren“, sagt Vaska Petroska.

Als man Sofija Ristoska mitteilte, dass sie zu ihren Eltern nach Polen müsse, bat sie weiterhin im Heim bei den anderen Flüchtlingskindern in Rumänien zu verbleiben.

Fana Martinova, Lena Miljova, Milka Damoska und Ksantipa Kirova stiegen als 10-jährige Mädchen im Frühling 1948 auf den Kirchturm des Dorfes Pozdivishta (Kostur/Kastoria) und sangen das Lied: „Zbogum Majko, Zbogum Tatko, Zbogum rodnini, jas odam na dalechen pat“ (dt. Lebe wohl Mutter, Lebe wohl Vater, Lebe wohl geliebte Verwandte, ich gehe auf eine weite Reise“). Sie kamen nie zurück. Sie verbrachten ihre Jugend in Weisenheimen in Rumänien und Polen und als sie älter wurden gingen sind weg. Lena ging nach Toronto, Kanada, Ksantipa heiratete einen Polen und blieb in Polen, Milka ging zu ihrem Vater, der in Taschkent lebte, und Fana kam zurück nach Makedonien. Nach 40 Jahren sahen sie sich wieder.

Als Jane Bendevski seinen Geburtsort Orovo besuchte, fand er keine Spur von dem Dorf. Die Grundsteine seines Elternhauses fand er nur auf Basis einer von einem anderen gezeichneten Karte.

Dies sind nur wenige Eindrücke des großen Dramas, welches die „Detsa Begaltsi“ (dt. die vertriebenen Kinder“) und ihre Eltern aus dem griechischen Teil Makedoniens während und nach dem griechischen Bürgerkrieg 1946-1949 erlebten mussten.
In diesem Jahr werden es nun 60 Jahre her sein, seit dem diese Tragödie stattfand, welche in dem kollektiven Bewusstsein aller Makedonier verankert ist.

Die Makedonier zahlten den höchsten Preis für den Bürgerkrieg in Griechenland. Zwischen 25.000 und 30.000 Kinder aus Ägäis-Makedonien wurden von ihren Eltern getrennt und in sog. demokratische Länder des kommunistischen Blocks gebracht. Alle Kinder hatten keine wirkliche Kindheit. Die schönste Zeit ihres Lebens verbrachten sei in Weisenheimen ohne die Zuwendung ihrer Eltern. Unter ihnen waren makedonische und griechische Kinder. Ihre Eltern, Brüder und Schwestern blieben zurück und kämpften in einem Krieg, den sie schon verloren hatten. Ebenfalls ca. 30.000 makedonische Kinder wurden mit Gewalt von griechischen Soldaten und Polizisten den Müttern weggenommen und unter der Schirmherrschaft der damaligen Königin Frederika in Weisenheime gebracht.

Später bestimmte die Kommunistische Partei Griechenlands, dass die kleinen Kinder über die Grenze nach (damals) Jugoslawien überführt werden sollten. Damals wurde den Kindern gesagt, dass sie schnell wieder zurückkehren würden, denn sie würden gewinnen. Doch sie kamen nie wieder zurück, weder nach einem Jahr, noch nach zehn und 60 Jahren. Nur die griechischen Kinder kamen zurück, nicht jedoch die makedonischen, weil sie eben nicht griechisch waren.

Die Kinder am Bahnhof in Skopje

Mehr als ein halbes Jahrhundert war es ihnen nicht gestattet, die Orte zu besuchen, wo sie ihre Kindheit verbracht hatten. Ihre Versuche das Land zu betreten endeten bereits an der Grenze. Sie wurden von griechischen Beamten zurückgewiesen.

Vor einigen Jahren hatte die griechische Regierung nun diese strikte Haltung gelockert und denjenigen die Einreise erlaubt, in deren Reisepässen bei Geburtsname nicht der makedonische Name der Stadt oder des Dorfes stand. Die anderen warten bis heute und trauern – abwartend – dass sie die griechische Regierung eines Tages die Gräber ihrer Eltern besuchen lässt. Viele von ihnen sind bereits gestorben und haben es nicht überlebt, ihren Geburtsort jemals noch einmal zu besuchen.

Nach Angaben der Kommunistischen Partei in Griechenland mussten nach der Niederlage im Bürgerkrieg ca. 50.000 Flüchtlinge (Makedonier und Griechen) ihre Geburtsorte verlassen. Von ihnen gingen ca. 30.000 nach Jugoslawien, mehr als 20.000 flüchteten in andere osteuropäische Länder wie Rumänien, Tschechoslowakei, Polen, Ungarn, Sowjetunion und Bulgarien. Man muss annehmen, dass die tatsächliche Zahl der Flüchtlinge noch viel höher ist. Allein Polen gab bekannt, dass ca. 12.000 Flüchtlinge aufgenommen wurden.

Später siedelten sich viele makedonische Flüchtlinge in die Republik Makedonien an, ein kleinerer Teil blieb in den anderen Ländern, andere gingen nach Kanada, Amerika und Australien. Ihre Geburtsstätten und Dörfer verfielen. Auf der Karte der ersten Volkszählung nach dem Bürgerkrieg waren 40 Dörfer von der Landkarte verschwunden. In diesen Dörfern lebten hauptsächlich Makedonier.

Die Bezeichnung, unter welche diese Menschen in Makedonien genannt werden „Detsa Begaltsi“, können sie nicht nachvollziehen und auch akzeptieren. Sie sagen, dass sie von anderen über die Grenze gebracht wurden, sie seien nicht geflohen. Zwar waren auch die Lebensbedingungen akzeptabel, jedoch hatten sie keine wahre Kindheit.

Heute, 6 Jahrzehnte später wird spekuliert, worum es sich bei dieser „Evakuierung“ wirklich gehandelt hat. War es aufgrund humanitärer Gründe, war es, die Kinder von den Bomben in anderen kommunistischen Staaten zu retten, oder war es eine ethnische Säuberungsaktion, um die Orte mit vorwiegend makedonischer Bevölkerung zu säubern.

Die Makedonier, die höhere Funktionen auch während des Bürgerkriegs begleiteten, sprachen damals von einer rein humanitären Aktion. Nichtsdestotrotz werden die Stimmen in letzter Zeit deren lauter, die das Gegenteil behaupten. Nach ihren Annahmen waren die Kommunisten ebenfalls daran interessiert, alle Siedlungen mit makedonischer Bevölkerung zu säubern. Der Bürgerkrieg in Griechenland war auch ein Krieg, in welchem die nationalen Rechte der Makedonier in Griechenland gestärkt werden sollten.

Die Ereignisse der Kinder damals und der heutigen Erwachsenen haben sich in ihren Gefühlen niedergeschlagen. Nur derjenige, der in sich in die persönlichen Erfahrungen hineinversetzten kann, wird verstehen, welches Leid die Kinder erfahren haben.

In den kommenden Tagen werden wir einzelne Menschen vorstellen, die Teil dieser Tragödie waren.

(Fortsetzung folgt)

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